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Der halbe Balkan im Schnelldurchlauf

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Sterzing, 13. April 2018: Die erste Aktion am frühen Morgen ist ein Blick aus dem Fenster. Die Straßen sind noch nass, aber von oben kommt nix Neues und am Horizont zeigen sich verschämt erste blaue Fleckchen. Das sieht doch gut aus – auf geht’s, der Balkan wartet, auch wenn wir heute sicherlich noch in Italien bleiben.

Wir genießen den Luxus eines guten Hotelfrühstücks und mummeln uns dann wieder dick ein. Obwohl das Thermometer  gerade mal 4 Grad zeigt, lenken wir die Mopeds voller Elan gen Südosten. Als Ziel haben wir dem Garmin mal Triest ohne Autobahn und Maut gesagt, die knappen 300 Kilometer dürften heute locker zu schaffen sein. Ich bin echt froh über meinen Michelinmännchen-Look, denn viel wärmer wird es erstmal nicht. Die Heizgriffe laufen auf Turbo und oben auf den Pässen liegt teilweise sogar noch richtig viel Schnee.

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Durch die Dolomiten und das Friaul rauschen wir diesmal nur durch. Weil wir keine Lust auf Großstadt haben, buchen wir in der Kaffeepause ein Agriturismo im Minidorf San Vito del Torre. Ein Glücksgriff, denn unser Vermieter Giacomo betreibt mit einem Kumpel ein kleines Restaurant zwei Häuser weiter. Dort gibt es frische, regionale Hausmannskost und eigenen Wein. Letzteren nur in Flaschen, wir haben lediglich die Auswahl zwischen rot und weiß, trocken oder süß. Rot und trocken ist aber sehr lecker, genau wie alles andere, was uns Giacomo auf den Tisch stellt. Wir schlemmen uns durch von der Vorspeise bis zum selbstgemachten Bergkiefernnadelgrappa und fallen dann glücklich in unser bequemes Bett.

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Slowenien und Kroatien im Vorbeirauschen

Am nächsten Tag wird Strecke gemacht. Vorher bekommen wir unser allererstes Geschenk auf der Reise – Giacomo hat uns ein kleines Fläschchen von dem Kieferngrappa abgefüllt. Ob das bis nach Nepal durchhält, wage ich zwar zu bezweifeln, aber wir packen es gerne ein. Das Navi bekommt die Plitvicer Seen als Ziel, gleiche Optionen wie gestern. Triest umfahren wir östlich, das kurze Stück durch Slowenien ist schneller vorbei als wir gucken können, dann durchqueren wir Kroatien. Unterwegs kaufen wir Brot und Wurst für’s schnelle Mittagsvesper am Meer und gegen sechs sind wir bei den Plitvicer Seen.

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Um eine lange Wanderung zu machen, sind wir zu spät, das war uns von vornherein klar. Aber ich wollte hier seit Jahren mal hin und es ist nicht wirklich ein Umweg auf dem Weg in den Süden. Also werfe ich von oben einen kurzen Blick auf die exponierten Stellen, für mehr müssen wir nochmal herkommen. Weil Ralf vor Jahren schon mal hier war, bleibt er bei den Mopeds und begnügt sich mit dem, was man von der Straße aus sieht.

 

Ich gebe ihm noch die Aufgabe, online ein Zimmer zu suchen. Als ich zurückkomme, hat er aber eine andere Idee: „Es ist doch noch über ne Stunde hell, warum fahren wir nicht weiter und nach Bosnien rein?“ Gesagt, getan, am nächstmöglichen Grenzposten ist nicht allzuviel los. Ralf zeigt seinen Personalausweis, ich bekomme den ersten Stempel in den Reisepass und so betreten wir am vierten Tag unserer Reise schon das fünfte Land.

Quartier finden wir in einem kleinen Dorf in der Nähe von Bihac, bei Mustafa und seinem Sohn Kemal. Eine Frau gibt es dazu wohl auch noch, aber die tritt nicht in Erscheinung. Die beiden überschlagen sich fast, um es uns gemütlich zu machen. Sie bieten uns Brot an, aber wir haben selbst noch welches. Deswegen bekommen wir fünf Eier von eigenen Hühnern, die am nächsten Morgen mit dem in Kroatien gekauften Gemüse für ein leckeres Frühstück sorgen. Die Wachteleier, die Mustafa uns bei der Abfahrt mitgeben will, müssen wir leider ablehnen. Weder er noch wir haben ein geeignetes Behältnis zum sicheren Transport. So begleiten uns lediglich seine guten Wünsche.
 

Von Mustafa zu einem der Hotspots auf dem Balkan: Mostar

Da wir beide noch nie in Mostar waren und um diese Jahreszeit die Hoffnung auf weniger Touristen besteht, wählen wir den direkten Landstraßenweg dahin, wieder um die 300 km. Das Wetter ist komisch dunstig und wir haben die ganze Zeit das Gefühl, die Landschaft rechts und links liegt unter einem Nebelschleier. Das tut sie aber de facto nicht, denn wir haben klare Sicht. Irgendwie wirkt die Szenerie ziemlich surreal. Fast so, als hätte jemand in Photoshop die Sättigung runtergedreht: nur gedämpfte Farben, viele verlassene Dörfer, ganz selten mal Zeichen von Leben. Aber irgendwie trotzdem nicht deprimierend, sondern eher wie in Watte gepackt – trotz teilweise deutlich sichtbarer Kriegsschäden. Wir sind uns einig, dass wir unbedingt die letztes Jahr ausgefallene Rundreise über den Balkan nachholen müssen. Bei Sonne ist die Landschaft sicherlich toll.

In Mostar mieten wir uns beim Besitzer eines Souvenierladens ein, der ganz neu ein kleines B&B in Laufnähe zur Altstadt eröffnet hat. Die Mopeds werden akkurat so in den Eingangsbereich gezirkelt, dass die Gäste die Treppe zu den Zimmern noch benutzen können, er und seine Frau aber kaum noch zu ihrer eigenen Wohnungstür durchkommen.

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Tür zu, sicherer Parkplatz gefunden – auf in die Altstadt und zur berühmten Brücke. Es tut richtig gut, ein bisschen zu laufen und die schnuckelige Altstadt von Mostar lohnt sich echt. Jetzt am Abend haben nur noch wenige Souvenierbuden offen, dafür aber etliche Restaurants und Eisdielen. Auch die wenigen Touristen kann man fast an einer Hand abzählen. Wir genießen Balkan-Spezialitäten in fester und flüssiger Form und amüsieren uns ein wenig über eine Mama mit ihrer Teenietochter. Die beiden versuchen erfolglos, das antike und sehr unregelmäßige Steinpflaster mit Highheels zu bezwingen. Mama gibt nach wenigen Schritten auf, nimmt ganz pragmatisch ihre Schuhe in die Hand und geht barfuß. Tochter stöckelt weiter, ein Bild für die Götter. Für uns gibt es zum Nachtisch noch ein Eis auf die Hand und dann schlendern wir gemütlich wieder zurück in unser B&B.

Nepal2018 - Balkan - Mostar Brücke

 

Stippvisite im Wallfahrtsort Medjugorje

Am nächsten Morgen schenkt uns unser Vermieter noch eine Schneekugel mit der Brücke von Mostar und es geht weiter – in den etwas umstrittenen Wallfahrtsort Medjugorje. Allein deswegen wären wir nicht nach Bosnien gefahren, aber wenn es schon auf dem Weg liegt, möchte ich auch kurz anhalten.

Der Ort an sich ist nicht besonders schön und um diese Jahreszeit auch verhältnismäßig leer. Aber die vielen Souvenierbuden und die bestens ausgebaute Pilger-Infrastruktur deuten darauf hin, dass es im Sommer hier wohl anders zugeht. Ganz so schlimm wie in Lourdes ist es zwar noch nicht, aber ganz klar auf dem Weg dahin. Den eher beschaulichen Charme von Fatima suche ich vergebens. Ralf bleibt bei den Mopeds, während ich einen Blick in die eher unspektakuläre Kirche werfe, wo gerade eine mäßig besuchte Messe in französischer Sprache gelesen wird. Vor der Kirche gibt es jede Menge Beichtkabinen, in denen die Pilger in Massenabfertigung von ihren Sünden losgesprochen werden können – jetzt im April fast verlassen, aber in der Hochsaison sicher brechend voll.

Mir reicht der kurze Eindruck und wenig später sind wir wieder auf dem Weg. Montenegro heißt das nächste Ziel und wir sind total gespannt auf dieses kleine Land, das sich für den Euro als Währung entschieden hat, obwohl es gar nicht zur EU gehört.

4 Kommentare

  1. Toll geschrieben Birgit. Ich freue mich so, dass ihr unterwegs seid und ich hier mitlesen darf. Gute Reise weiterhin

  2. Sehr schön geschrieben und ich konnte mir alles bildlich vorstellen. Freue mich auf weitere Geschichten. Fahrt vorsichtig. Montenegro ist ein Land, was ich ins Herz geschlossen habe, so wie Albanien auch. In gjirokastra hätte ich eine schöne Unterkunft für euch mit Blick auf die gesamte Stadt und Berge. Einfach melden wenn was ist.

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