Kurs Nordost: Fernwehtreffen 2015, Teil 2

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„Richtung Norden“ geht es ab jetzt, denn unser Ziel heißt immer noch Fernwehtreffen 2015 und Meck-Pomm ist ganz schön weit oben, wenn man wie wir im südöstlichsten Zipfel Deutschlands startet. Aber im Gegensatz zu der bekannten Schnapswerbung aus den 70ern fahren wir natürlich nicht „immer geradeaus“, dafür sorgt schon unser Plan, die Spree auf ihrem Weg nach Norden ein Stück weit zu begleiten.

Auf der Suche nach der Spreequelle

Dass die Spree in der Oberlausitz entspringt, ist klar, aber welche Spreequelle ist nun die richtige? Mit dieser Frage haben wir uns schon gestern Abend beschäftigt, denn es gibt gleich drei Orte in der näheren Umgebung, die von sich behaupten, die einzig wahre Spreequelle zu besitzen. Die in Eibau liegt mitten im Wald hinter einem „Durchfahrt verboten“-Schild. Da wir nicht wissen, für wie viele Kilometer wir die Regeln brechen oder am Ende gar laufen müssten, bleiben wir brav und fahren nach Neugersdorf. Die dortige Spreequelle liegt unspektakulär an der Straße, hat aber immerhin eine schmiedeeiserne Einfassung von 1887. In genau diesem Jahr setzte Generalfeldmarschall Helmuth Karl Bernhard von Moltke dem schon länger währenden Streit der drei Orte ein Ende und erklärte den „Spreeborn“ im Nachbardorf Ebersbach zur offiziellen Quelle. Der liegt versteckt in einem kleinen Park und hat sogar ein Dach mit Zwiebeltürmchen.

Hinter Ebersbach sind dann alle drei Quellarme vereint und die Spree schlängelt sich bis Neusalza-Spremberg mehr oder weniger entlang der B 96. Auf der kurzen Strecke hat sie erheblich an Breite gewonnen und sieht gar nicht mehr wie ein Bächlein aus. Dafür wird sie ganz kurz nochmal tschechisch, aber wir bleiben in Deutschland, weil auf der tschechischen Seite kein Weg direkt am Wasser entlang führt. Schön kurvig geht es über kleine Sträßchen und idyllische Feldwege weiter nach Norden – Sohland, Schirgiswalde, Kirschau heißen die Stationen, bevor wir in Großpostwitz wieder auf die B 96 treffen. Nach ein paar hundert Metern biegen wir links ab und weiter geht es durch niedliche Dörfer mit den für die Oberlausitz typischen, meist farbig verzierten Umgebindehäusern, immer in Sichtweite der Spree.

Wir folgen dem jetzt schon sehr stattlichen Fluss auch auf seinem Weg mitten durch Bautzen, obwohl wir sonst mit dem Motorrad größere Städte eher meiden. Der Blick von der Friedensbrücke weckt Erinnerungen, ansonsten hat sich jede Menge getan, seit ich vor ziemlich genau 20 Jahren das letzte Mal hier war. Unsere Mini-Stadtrundfahrt geht an der alten Wasserkunst vorbei runter an die Spree. Von hier unten ragen die mächtigen Türme von Wasserkunst und Michaeliskirche fast bis in den Himmel.

 

Von Bautzen bis Cottbus – durch Natur und Industrie

Direkt nördlich von Bautzen wurde die Spree vor 40 Jahren aufgestaut. Heute ist die entstandene Talsperre ein beliebtes Naherholungsgebiet mit Strand, Campingplatz und allem Drum und Dran. Ab hier verliert sich der Fluss in einem Gewirr an großen und kleinen Seen. Wir versuchen gar nicht erst, seinem Lauf zu folgen, sondern wählen eine landschaftlich schöne Strecke durch die Oberlausitzer Teich- und Heidelandschaft.

Danach sind wir wieder an der Hauptspree und statt lieblicher Natur sehen wir uns plötzlich mit Hochöfen, Baggern und ähnlich schwerem Gerät konfrontiert. Willkommen im Industriepark „Schwarze Pumpe“. Das riesige Braunkohleabbaugebiet liegt halb in Sachsen und halb in Brandenburg. Im gleichnamigen Kraftwerk wurden früher 11 Prozent des gesamten Energiebedarfs der DDR erzeugt. Sichtbare Auswirkung des jahrzehntelangen Tagebaus ist die „braune Spree“: Das Wasser hat sich extrem mit Eisenocker angereichert und verwandelt den Fluss bis zur Talsperre Spremberg in eine orange-braune Brühe. Interessant anzuschauen, aber lebensbedrohlich für Tiere und Pflanzen unter Wasser.

In der Spreeaue zwischen Neuhausen/Spree und Cottbus erfreuen wir uns wieder an einem Stückchen Natur, bevor unser Begleiter uns in die nächste Großstadt lotst. Denn natürlich fließt die Spree auch mitten durch Cottbus, das aber trotz Berufsverkehr eigentlich ganz nett zu fahren ist. Trotzdem sind wir froh, die vorerst letzte Stadt hinter uns zu haben. Gemeinsam mit der Spree wenden wir uns nach Westen und sind bald mitten in der Region der Gurken und Touristen. In Burg beziehen wir Quartier bei einem ehemaligen Holzpantoffelmacher, der inzwischen vom Tourismus lebt und nur noch zu Schauzwecken arbeitet.

 

Stocherkähne, Gurken und ganz schön viel Wasser: der Spreewald

In den Spreewald wollte ich immer mal, aber bisher hat es nie geklappt. Deswegen nehmen wir uns den ganzen Donnerstagvormittag Zeit, das Biosphärenreservat Oberspreewald auf kleinen und kleinsten Wegen zu erkunden. Wir sind fast alleine zwischen Wiesen und unzähligen Bachläufen – kaum zu glauben, dass das alles die Spree sein soll. Der krasse Gegensatz ist Lübbenau mit seiner volltouristischen Infrastruktur. Im Sommer muss hier die Hölle los sein, jetzt Ende September wirkt der Ort fast beschaulich. In Lübben ist die Spree kurz wieder als Fluss erkennbar und taucht dann in den Unterspreewald ab. Am malerischen Minihafen in Schlepzig überlegen wir kurz, doch noch eine Kahnfahrt zu machen, bleiben aber bei unserem Plan, zum Fernwehtreffen durchzufahren.

Also geht es ab jetzt schneller vorwärts. Am Neuendorfer See macht die Spree einen Knick nach Osten, wir wenden uns nach Norden – der Weg am Scharmützelsee entlang ist deutlich kürzer. In Fürstenwalde sagen wir unserer Begleiterin der letzten anderthalb Tage endgültig Lebewohl. Die Spree fließt von hier fast geradewegs nach Westen und durch ganz Berlin, bevor sie in Spandau in die Havel mündet. Nicht unsere Richtung, sorry. Unsere neuen Begleiterinnen haben allesamt ein B vorne und führen uns zügig durch die Märkische Schweiz und die Uckermark: B 168, 167, 158, 198, das letzte Stück ohne Nummer und schwupp, sind wir da.

Die Brohmer Berge haben wir nicht wirklich als solche erkannt, aber der Campingplatz ist unverkennbar Fernwehtreffen. Unser Zelt steht in kürzester Zeit, das Lagerfeuer brennt auch schon und es sind so viele bekannte und neue nette Menschen da, dass der Abend nur toll werden kann. Wir grillen überm Lagerfeuer, die richtigen Getränke sind auch am Start und die Geschichten sowieso. So muss ein Fernwehtreffen sein.

 

Freunde + Lagerfeuer + Spaß = Fernwehtreffen

Was ich an den Fernwehtreffen so liebe, ist die Abwesenheit verpflichtender Programme. Jeder macht, wozu er/sie Lust hat – und es finden sich auch immer Gleichgesinnte, die mit wollen. So gibt es am Freitag nach Polen rüber gleich zwei Grüppchen, eine eher straßenorientierte und einige Schottersucher. Mike führt eine Insidertour in die Umgebung. Da wollen wir eigentlich mit, verquatschen uns aber anderweitig, so dass wir den Start verpassen. Wir sind gerade so weit, dass wir endlich losfahren können, da kommt Mikes Gruppe nochmal vorbei – die waren wohl erstmal nur in Friedland tanken. Wir sprinten also zu den Mopeds und nehmen die Verfolgung auf, aber erfolglos. An der Kreuzung einen Kilometer weiter keine Spur der Gruppe und auch niemand, den wir fragen könnten.

Auch gut, erkunden wir die Gegend eben zu zweit. Hier gibt es zwar keine Berge, aber dafür schöne Landschaft und sogar ein paar Kurven. Weil die Brohmer Berge ohne Insider aber sehr überschaubar sind, beschließen wir irgendwann, nach Usedom zu fahren. Wir kennen beide die bekannten Seebäder und Touri-Hotspots der Insel, deswegen erkunden wir den uns unbekannten Süden. Und hier finden wir alles, was das Herz begehrt: kaum Touristen, kleine menschenleere Bootsanlegestellen und mehr oder weniger unbefestigte Wege. An einem solchen liegt die Inselkäserei, laut Schild bekannt aus Funk und Fernsehen und sogar im „Feinschmecker“ lobend erwähnt. Bei Kaffee und selbstgemachtem Käsekuchen erzählt Besitzer, Käser und Verkäufer Steffen Schultze ein bisschen über seinen Käse – probieren dürfen wir natürlich auch und so wandern einige Sorten Original Usedomer Inselkäse in den Koffer, bevor wir wieder Richtung Westen trödeln.

Matjes auf Käsekuchen ist vielleicht nicht die geläufigste Menüwahl, aber an der Hubbrücke in Karnin ist ein Imbisswagen und da kann Ralf nicht widerstehen, zumal der Käsekuchen ja auch schon wieder mindestens ne Stunde her ist. Backfisch für mich gibt es ebenfalls – und die Trinkfestigkeit der Dorfjugend können wir gratis bestaunen. Irgendwie befremdlich, wenn Freitags gegen 16.00 Uhr erstmal diverse Schnäpse gekippt werden, während man sich per Smartphone mit den Kumpels verabredet. Kopfschüttelnd machen wir uns auf den Rückweg und kommen sogar noch im Hellen auf dem Campingplatz an. Am Lagerfeuer finden alle Grüppchen wieder zusammen. Mike hat ein leckeres Kesselgulasch besorgt, die Erlebnisse des Tages werden geteilt, Neuankömmlinge begrüßt – und weil Fernweh’lern der Gesprächsstoff niemals ausgeht, wird es wieder ein langer und sehr schöner Abend.

 

Fernwehtreffen ade – unsere Rückfahrt

Am Samstag kommen wir in den Genuss eines superleckeren Frühstücks – danke an Dirk und Peter für das Rührei Deluxe mit frischem Gemüse und Schinken. Während wir warten, dass unser Zelt trocknet, brechen die ersten zur heutigen Tagestour auf. Maren möchte unbedingt den grünen Leuchtturm in Warnemünde sehen und so führt Mike eine Gruppe dorthin. Andere fahren nach Usedom oder Polen und wir machen uns auf den Heimweg. Weil wir keine Lust auf 850 km Autobahn haben, fahren wir die Strecke in zwei Tagen. Gegen 14.00 Uhr ist das Fernwehtreffen für uns endgültig zu Ende: Wir verlassen Brohm und nehmen einen recht direkten Weg nach Süd-Westen. Die Route streift die Mecklenburgische Seenplatte, führt westlich an Berlin vorbei und kommt uns teilweise sogar recht bekannt vor. Die Rückfahrt von der Ostsee 2013 lässt grüßen. In Magdeburg übernachten wir völlig unspektakulär im Ibis Budget und entdecken ein tolles griechisches Restaurant in Barleben, bevor es am Sonntag heimwärts geht.

Wir streifen viele nette Mopedgegenden – Harz, Kyffhäuser, Thüringer Wald – fahren aber überall nur durch, denn erstens müssen wir heute noch bis Stuttgart und zweitens werden die Wolken immer dunkler. Bis zum Rennsteig hält das Wetter, nur kalt ist es. Wir gönnen uns noch eine echte Thüringer, ergreifen aber die Flucht, als die ersten Regentropfen fallen. Zuerst sieht es so aus, als könnten wir dem Regen davon fahren, denn es bleibt wieder eine Weile trocken, bevor der Himmel bei Schweinfurt endgültig seine Schleusen öffnet. Dazu wird es richtig frostig. Also beißen wir in den sauren Apfel und nehmen für die letzten 150 km doch die Autobahn.

Trotz des feuchten Abschlusses hatten wir eine traumhafte Urlaubswoche – Tschechien, Erzgebirge, Sächsische Schweiz, Elbsandsteingebirge, Oberlausitz, Spreewald und sogar Mecklenburg-Vorpommern bieten auch für Motorradfahrer jede Menge. Und unser persönliches Highlight war natürlich das Fernwehtreffen. Danke an Mike und Rainer für die Orga und danke an alle alten und neuen Freunde – es war einfach toll.

Hier geht’s zum ersten Teil von Kurs Nord-Ost: Fernwehtreffen 2015.

 

Schnapszahl hoch drei – zum Schluss noch das einzige Foto unserer Rückfahrt

Ralfs TDM erreicht ihren Kilometerstand von 77.777 just in dem Moment, als das TomTom meint, dass wir noch 444 Kilometer von daheim weg sind. Dass Ralf beim Fotografieren auch noch mit 77 km/h unterwegs war, haben wir erst hinterher auf dem Foto gesehen. Was für ein Timing 🙂

Rückfahrt vom Fernwehtreffen 2015

 

3 Kommentare

  1. Hallo Birgit,
    danke für den toll geschrieben Fernweh-Bericht. Er liest sich, als sei mann gleich mit dabei gewesen (Hin- und Rückfahrt).

    Ich wünsche Dir und Deinem Mann im 2016 weiter viele schöne Stunden auf dem Motorrad. In der Hoffnung Euch bald wieder irgendwo zu teffen ……. auf bald
    Liebe Grüsse aus der Schweiz.
    Peter

    • Lieber Peter,
      dir, deinen Lieben und natürlich auch deiner Lady wünschen wir ebenfalls ein wunderbares Jahr 2016. Wir freuen uns auch darauf, dich bald wieder zu treffen – beim Wintertreffen?
      Liebe Grüße Ralf und Birgit

  2. Pingback: Kurs Nordost: Fernwehtreffen 2015, Teil 1 - travel2wheels - Motorradreisen und mehr

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