Fernwehtreffen 2015, Teil 1: Idylle in Tschechien

Kurs Nordost: Fernwehtreffen 2015, Teil 1

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Der Termin steht schon ewig, der Ort auch: Das Fernwehtreffen 2015 fand vom 1. bis 4. Oktober in den Brohmer Bergen statt. Nie gehört? Ging uns ähnlich, denn wer vermutet im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern schon Berge? Wir waren also echt gespannt und machten uns schon ein paar Tage vorher auf den Weg Richtung Nordost. Aber lest selbst.

Leicht verzögerter Start

Es ist Sonntag, in fünf Tagen ist Fernwehtreffen und wir stehen in den Startlöchern – eigentlich, denn entgegen unserer vorherigen Planung kommen wir natürlich wieder erst Mittags los. Diesmal ist die Basic schuld an der Verzögerung: Noch keinen Kilometer von daheim weg an der Tanke sehen wir, dass sie Öl verliert, ganz schön viel sogar. Also erstmal retour und genauer gucken. Seltsamerweise ist schon wieder die Ölwanne locker, obwohl ich die Schrauben erst vor Daniels Treffen Ende August nachgezogen hatte. Froh, dass es nix Schlimmeres ist, lasse ich diesmal Ralf schrauben, fülle Öl nach und wir machen uns endlich auf den Weg.

Der führt uns in Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit über schnelle Bundesstraßen statt der geplanten schönen Strecke, denn wir möchten auf keinen Fall unser „Kaffee und Kuchen“-Date in Weiden in der Oberpfalz verpassen. Die Sonne scheint vom strahlend blauen Himmel und vor uns liegt eine Woche Urlaub, also genießen wir auch den direkten Weg und später in Weiden einen wirklich schönen Nachmittag – danke Hopl und Tanja, nicht nur für Kaffee und Kuchen.

Es dämmert schon, als wir zur letzten Etappe für heute aufbrechen. Die 70 Kilometer bis ins tschechische Marienbad entschädigen fahrerisch für die vielen „Geradeaus-Kilometer“ heute Mittag: nette Kurven, schöne Ausblicke und ein traumhafter Sonnenuntergang. Hammerschön. Unser gestern noch schnell gebuchtes B&B liegt mitten im Zentrum, in zweiter Reihe hinter einigen schön renovierten Luxushotels und ist im Dunkeln gar nicht so einfach zu finden. Aber so sehen wir schon beim Durchfahren einiges von Marienbad, passt also. Nachdem wir unser Zimmer und die Mopeds einen Parkplatz haben, stürzen wir uns ins kurstädtische Leben. Unser Vermieter empfiehlt ein paar nette Restaurants, wo sich Touristen oder Kurgäste wohl eher selten hin verirren. In einem davon landen wir tatsächlich und erfreuen uns am leckeren Essen ebenso wie am einheimisch guten Preis-Leistungsverhältnis.

Auf dem Rückweg durch den Kurpark kommen wir gerade an der „Singenden Fontäne“ an, als diese ihre letzte Musik-Licht-Show für heute startet. Gutes Timing und ein schöner Abschluss eines ebensolchen Tages.

 

Absolut entschleunigtes Tschechien

Das Frühstück am nächsten Tag enthält neben den üblichen Zutaten auch ein warmes Gericht nach Wahl von einer kleinen Liste: Ralf wählt Rührei mit Speck, ich probiere eine lokale Spezialität, nämlich süße Tortellini mit Quark, zerlassener Butter, Sahne und Obst – megalecker. Leider habe ich mir nicht gemerkt, wie die heißen. Aber vermutlich wollte mein Gehirn damit nur verhindern, dass mehr von diesen Kalorienbomben auf meine Hüften wandern.

Wir verlassen Marienbad bei schönstem Wetter. Es ist gefühlt um einiges kälter als gestern, aber das tut unserer Vorfreude keinen Abbruch – auf uns warten Kurvensträßchen vom Feinsten. Wer einen Blick auf die Landkarte wirft, weiß, was ich meine. Wir durchstreifen das nationale Schutzgebiet „Slavkovský les“ auf vielen Wegen, Hauptsache klein und winklig – und natürlich grobe Richtung Nordost. Das Beste: Ob Wald oder Wiesen, wir sind fast immer allein auf weiter Flur, nur ab und an kommt mal ein Auto vorbei und erinnert uns daran, dass wir noch durch bewohntes Gebiet fahren.

In Karlsbad tauchen wir nochmal kurz in die „richtige“ Zivilisation ein – die Mopeds sind durstig und wir ebenso. Beides lässt sich beim Supermarkt draußen vor der Stadt beheben. Den Besuch der sicherlich sehr sehenswerten Innenstadt schenken wir uns heute, wir sind nach diesem Vormittag eher auf Natur gepolt. Also auf der Schnellstraße durch und dann ab nach rechts in die Büsche.

Die werden schnell immer dichter, der Weg führt nun meist bergauf und ehe wir uns versehen, sind wir wieder allein. Das bleibt für die nächste Stunde so, bis der Wald abrupt aufhört und wir plötzlich freien Blick nach Norden haben. Erst ein Blick auf die Karte offenbart, dass wir noch in Tschechien sind, unser Ausblick aber schon wieder Deutschland. Die unsichtbare Grenze begleitet uns ein ganzes Stück, bis wir bei Bärenstein ins Erzgebirge rüberfahren.

 

Windige Berg- und Talfahrt durchs Erzgebirge

Die Sonne macht sich langsam bereit für den Sinkflug hinter den Horizont und wir haben noch gute 100 km bis zu unserem Tagesziel in Bärenfels. Gut, dass wir ein Ziel haben, sonst wären wir vor lauter Bummeln vermutlich immer noch in Tschechien. Ich hätte ja nix dagegen, unser Zelt irgendwo im Wald aufzubauen, aber Ralf will erst beim Fernwehtreffen zelten. Also übernachten wir wieder nach der seit Sizilien bewährten B&B-Methode – wir überlegen uns morgens beim Frühstück die grobe Route für den Tag und buchen dann kurzfristig in der anvisierten Zielgegend ein Zimmer. Vorteil der Sache ist, dass wir nicht irgendein 08/15-Hotel vor Ort nehmen müssen, sondern persönlichere Unterkünfte finden, kleine Pensionen oder private Vermieter. Unsere heutige Gastgeberin beispielsweise ist Diana Sartor, ehemalige Weltmeisterin im Skeleton (eine Art Bob, die mir bis heute völlig unbekannt war). Aber so weit sind wir noch nicht – vor uns liegen ja immer noch die 100 km Weg.

Es ist kalt und windig, aber noch ist ein bisschen Sonne da, also bei Annaberg-Buchholz ab auf die schnelle, trotzdem ganz schöne B 171. Baustellen und Umleitungen verlängern unseren Weg, bescheren uns aber auch das eine oder andere nette Wegstück auf kleineren Straßen. Wenn es bloß nicht so kalt wäre. Ich habe heute morgen in weiser Voraussicht die Daunenjacke statt Fleece angezogen, aber trotzdem sind die Heizgriffe im Dauereinsatz. Ralf hat mangels Heizgriffen auf Winterhandschuhe aufgerüstet.

Nach einer flotten, zum Schluss wieder sehr kurvenreichen Fahrt über Berg und Tal werden wir in der Pension Sartor freundlich empfangen. Die Mopeds dürfen geschützt hinter der Hecke parken und unser Zimmer ist sogar vorgeheizt, toll. Laaaaange duschen, die sehr sportliche Dekoration bewundern – die Zimmer sind nach Olympiaorten benannt und überall gibt es Pokale, Sportfotos und das ganze Drumherum. Praktisch: Direkt nebenan ist ein nettes Restaurant, wo unser Abend am Kaminfeuer ausklingt – oder liegt es am leckeren Rotwein, dass uns bald wieder kuschelig warm ist?

 

Noch mehr Erzgebirge, Dresden, Sächsische Schweiz und etwas Tschechien

Es hat echt was, in einem warmen Bett aufzuwachen und sich dann an einen schön gedeckten Frühstückstisch zu setzen. Außer uns sind noch zwei Rentner-Ehepaare da, die Diana in allen Einzelheiten nach ihren Olympia-Erlebnissen befragen. Die Weltmeister-Medaille und die entsprechenden Pokale werden gebührend bestaunt und selbst wir als stille Zuhörer sind danach bestens im Bilde.

Gestern ist uns irgendwie die Idee gekommen, auf dem Weg nach Norden die Spree als grobe Richtschnur zu nehmen, zumindest bis in den Spreewald. Also planen wir heute nur eine kurze, gemütliche Tour bis zur Spreequelle nördlich von Zittau. So bleibt auch genügend Zeit zum Shoppen – wir brauchen definitiv noch eine Schicht warme Klamotten. Zuerst kurven wir bei strahlendem Sonnenschein noch ein bisschen in der Nähe von Altenberg rum, dann bekommt der TomTom die Koordinaten vom Louis in Dresden. Zwei Stunden später sind wir jeweils um ein zusätzliches Funktionsshirt und einen Fleece-Buff reicher und ich fühle mich mich seit Tagen erstmals warm genug angezogen.

 

Von Sandsteinen und Kettensägen

Die Sächsische Schweiz kenne ich von zahlreichen Wanderausflügen, war aber ewig nicht dort und bin wieder mal hin und weg, wie schön es hier ist. Kleine und kleinste Sträßchen, Kuhwiesen, idyllische Dörfer mit so netten Namen wie Berggießhübel oder Langenhennersdorf, hier kann man getrost einen Gang zurückschalten. Besonders das Bielatal begeistert mich immer wieder. Im niedlichen Bad Schandau überqueren wir die Elbe, dann geht es den Berg rauf und wir müssen einfach anhalten.

Wieder mal geht die Sonne gerade unter und wir haben einen traumhaften Blick auf das zerklüftete Elbsandsteingebirge zur einen und die markanten Tafelberge zur anderen Seite. Das schreit nach einem Fotostopp. Ein einheimischer 2V-Fahrer hält ebenfalls an – nicht um die Aussicht zu genießen, sondern wegen der Basic – wir kommen ins Gespräch und ruckzuck ist die Sonne weg. Also weiter auf direktem Weg nach Sebnitz, denn die Motorradtraumstraße durchs Kirnitzschtal ist leider Baustelle. Das Stück durch Tschechien passt sich an den heutigen Kurventanzrhythmus an und gibt uns außerdem Gelegenheit, nochmal günstig zu tanken.

Wieder zurück in Sachsen, werfen wir keine 5 km hinter der Grenze für heute den Anker. Die Beckenbergbaude steht ganz allein auf dem gleichnamigen Berg oberhalb von Eibau und ist eigentlich ein Ausflugslokal – der erste Bio-Berggasthof in Sachsen. Im Biergarten und überall auf dem Beckenberg stehen riesige Holzskulpturen. Der Seniorchef erzählt, dass hier jedes Jahr ein internationales Kettensägenschnitzertreffen stattfindet, zu dem sogar Teilnehmer aus Japan und Kanada anreisen, um in der Qualifikation zur deutschen Meisterschaft im Speedcarving gegeneinander anzutreten. Bis heute wusste ich gar nicht, dass es dafür eine deutsche Meisterschaft gibt. Ich lerne hier jeden Tag etwas Neues – und da soll nochmal wer sagen, Motorradfahren sei einfach nur Spaß.

Wir beziehen eins der beiden Zimmer mit eigenem Bad und bekommen ein leckeres Abendessen mit Familienanschluss. Ralf testet das einheimische Eibauer Bier, ich bleibe lieber beim Wein. Danach machen wir noch einen kleinen Spaziergang. Wenn die letzten Ausflugsgäste den Berg verlassen haben, ist es hier einfach nur ruhig. Gute Voraussetzungen für eine erholsame Nacht.

 

Hier geht’s weiter:

An der Spree lang nach Norden, zwei tolle Tage beim Fernwehtreffen und den schnellen Heimweg findet ihr hier:
Kurs Nordost: Fernwehtreffen 2015, Teil 2

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