Hart am Wind – Weihnachten im Barlavento

– erschienen im Tourenfahrer, Heft 2/2013 –

Barlavento? Wir ernten mehr als einen fragenden Blick, als wir unser Rezept gegen den Winterblues im Bekanntenkreis verkünden. Nein, kein neuer Lieblingsitaliener, wir wollen einfach nur Motorrad fahren. Im Dezember und in Europa. Damit ist klar, es geht Richtung Süden, in unserem Fall ans südwestlichste Ende des europäischen Festlandes.

Die Gesichter erhellen sich, aber die Blicke bleiben skeptisch. Im Winter an die Algarve? Ist das nicht viel zu weit? Gibt’s dort überhaupt Kurven? Zumindest beim Wetter können wir den Möchtegern-Spielverderbern den Wind aus den Segeln nehmen. Das Barlavento belegt nämlich einen Top-Platz in der Europa-Statistik: rund 300 Sonnentage im Jahr und selbst im Dezember noch durchschnittlich 15 Grad. Da lacht das Bikerherz, also Mopeds auf den Anhänger und los geht’s.

Und es gibt doch Kurven…

40 Stunden und 2500 km später sind Schnee und Eis fürs Erste vergessen, die BMWs haben wieder festen Boden unter den Rädern und wir ein breites Grinsen im Gesicht. Grund ist die N120 von Bensafrim nach Aljezur, die auf der Karte eher langweilig aussieht, ein fetter roter Strich ohne große Bewegung. In Natura überrascht die Weiterführung der Algarve-Autobahn mit einem kurvigen Auf und Ab, vorbei an Korkeichenhainen, Wiesen und kleinen Dörfern. Da macht’s richtig Spaß, die Kühe „fliegen zu lassen“.

Als das niedliche Städtchen Aljezur mit seinen strahlend weißen Häusern in Sicht kommt, bedanken wir uns in Gedanken bei den portugiesischen Straßenplanern für diese kurzweiligen 20 Kilometer, die unsere Aufwärmrunde so perfekt eingeläutet haben.

Aljezur liegt ein Stück weit im Landesinnern und wirkt eher beschaulich. Aber selbst im Winter laden einige Cafés zum Verweilen ein und in der Markthalle an der alten Brücke gibt es jeden Vormittag frischen Fisch und andere Leckereien. Mit der mittelalterlichen Festung samt „Quelle der Lügen“ und ganzen vier Museen ist auch für Bildungshungrige bestens gesorgt.

Dichte Wälder, heiße Quellen – und immer ruft der Berg

Wir lechzen eher nach Höhenmetern, deswegen zieht’s uns auf den Foía. Der ist mit seinen 902 Metern zwar eher Zwerg als Berg, aber immerhin die höchste Erhebung der Algarve. In der warmen Dezembersonne cruisen wir auf der sanft geschwungenen N267 gemütlich bergan. Auch diese „Bundesstraße“ verdient ihren Namen nur, weil die umliegenden Straßen noch kleiner sind.

Ein Blick zu Ralf, Daumen nach oben – beim nächsten rostigen Wegweiser schlagen wir uns links in die Büsche. Das dort angekündigte Dorf ist zwölf Kilometer entfernt und die Fahrbahn ein sandig-lehmiger Feldweg, von Schotter oder gar Teer keine Spur. Eine klasse Spielwiese für unsere Enduros. Hundegebell warnt uns jedes Mal, wenn wir an einem der vielen allein stehenden Häuser und Gehöfte vorbeikommen, ein richtiges Dorf finden wir aber auch nach mehr als zwölf Kilometern nicht. Dafür unzählige Abzweigungen, die überall und nirgends hinführen. Wir orientieren uns grob nach Osten und irgendwann hat uns die N267 wieder, sogar die Richtung stimmt.

Ab Marmelete wird die Straße kurviger, es geht nach wie vor stetig aufwärts. Wir sind endgültig in der Serra de Monchique angekommen, dem einzigen Gebirge des Barlavento. Korkeichen, Kiefern und Eukalyptusbäume bestimmen das Bild. Nur die wilden Erdbeerbäume, aus deren Früchten der traditionelle Obstschnaps Medronho gebrannt wird, können wir nirgends entdecken – vermutlich, weil wir keinerlei Ahnung haben, wie so ein Erdbeerbaum aussieht.

Der Kurort Caldas de Monchique ist dagegen nicht zu übersehen. Leider sind die seit der Römerzeit berühmten heißen Quellen nicht zugänglich, kein Mensch zu sehen, Kurhaus und Thermalwasserverkauf haben geschlossen. Schade!

Da ist das acht Kilometer entfernte Monchique mit seinen gemütlichen Cafés und kleinen Lädchen deutlich lebendiger. Wir folgen den Schildern zum Foía und sind bald wieder allein inmitten von Kiefern und Eukalyptus. Die Straße schraubt sich in bester Alpenmanier den Berg hinauf. Je höher wir kommen, desto mehr lichten sich die Bäume und verschwinden schließlich ganz. Auf dem Gipfel empfängt uns ein Wald der anderen Art: Unzählige Antennen und Mobilfunkmasten verschandeln die Landschaft. Dafür ist die Aussicht einfach grandios, an klaren Tagen kann man bis zum Meer blicken.

Auf der Terrasse des einzigen geöffneten Restaurants weht ein kräftiger Wind, aber drinnen sitzen kommt für uns nicht in Frage. Als ob wir geahnt hätten, dass dies unser letzter richtig sonniger Tag sein wird, genießen wir unsere Bica, den portugiesischen Espresso, in der mittlerweile schon sehr tief stehenden Sonne.

O vento – Hauptdarsteller auf der Wetterbühne

Der nächste Morgen weckt uns mit prasselndem Regen, die Fensterläden klappern im Wind. Der heißt hier „o vento“, weht meist vom Atlantik her und spielt eine so tragende Rolle, dass die ganze Gegend nach ihm benannt wurde. Barlavento bedeutet nämlich soviel wie „dem Wind zugewandt“.

Eine Stunde später hat unser Hauptdarsteller ganze Arbeit geleistet und den Regen nach Osten weggeblasen. Auf der in weiten Teilen schnurgeraden Hauptstraße von Lagos nach Sagres haben wir genügend Zeit, die Wolken zu beobachten, die in einem irren Tempo über die sattgrüne Landschaft hinweg ziehen. Moment mal! Grün? Ja, grün! Wer sonst nur im Sommer hierher kommt, wird den Unterschied sofort bemerken. Auf den Wiesen, zwischen den Sträuchern, am Wegesrand – überall sprießt frisches Grün. Am Ende war der morgendliche Regen gar keine Ausnahme? Egal, jetzt erfreuen wir uns erstmal an seinen Folgen und schwelgen in fast irisch anmutenden Bildern.

Von Seefahrern und Naturgewalten

Wer nach Sagres kommt, will als Erstes die weltbekannte Fortaleza sehen. Wir sind da keine Ausnahme, zumal die westlichste Stadt der Algarve mit ihren 2000 Einwohnern sonst nicht viel zu bieten hat. Von außen wirkt das riesige, weiß gekalkte Fort ebenso hässlich wie imposant. Highlight im Innern ist ein gemauerter Steinkreis aus der Zeit Heinrichs des Seefahrers, der entweder eine Sonnenuhr oder eine Windrose darstellen soll – ganz nett, aber wenn ich ehrlich bin, hatte ich mir das Ganze spannender vorgestellt. Superklasse dagegen die Aussicht auf die spektakuläre Steilküste.

Die letzten sechs Kilometer fahren wir schnurstracks auf die Landzunge zu, die das Ende des europäischen Festlandes markiert. Auf der alleräußersten Kante des Cabo de São Vicente hockt der lichtstärkste Leuchtturm Europas wie eine Glucke im Nest, dahinter geht es rund 40 Meter in die Tiefe und unten tost der Atlantik, viel rauer und wilder als das Mittelmeer weiter östlich.

Die Wellen klatschen mit gewaltigem Getöse meterhoch an die Klippen und unser Freund „o vento“ trägt das seine zu diesem einzigartigen Naturschauspiel bei. Hier haben die Elemente das Sagen, der Mensch darf zuschauen, spielt aber keine wesentliche Rolle. Das Beste: Jetzt im Winter haben wir diesen Ort fast für uns allein. Keine Ahnung, wie lange wir dort stehen und einfach nur genießen. Als dann doch noch ein Reisebus anrollt, ergreifen wir schleunigst die Flucht.

Jetzt nur kein Trubel, schreit eine Stimme in meinem Kopf. Scheinbar hört Ralf das Gleiche, denn er biegt bei der ersten Gelegenheit von der Hauptstraße ab. Ich folge ihm auf kleinen und kleinsten Wegen nach Norden. Für den Rest des Nachmittags durchstreifen wir die Serra de Espinhaço de Cão, die nur dem Namen nach ein Gebirge ist: Ihre höchste Erhebung ragt gerade mal 178 Meter über den Meeresspiegel. Dafür gibt es jede Menge leicht zu befahrende Feldwege durch Wald und Wiesen. Hier kämen auch Straßenmaschinen problemlos durch… Wir treffen keinen Menschen, nur ab und an schauen ein paar Kühe neugierig in unsere Richtung.

Als wir bei Telheiro wieder auf die altbekannte N120 kommen, werden die Wolken auf einmal bedrohlich dunkel. Minuten später sind wir patschnass. Vermutlich hatte „o vento“ Langeweile. Nach zehn Minuten ist der Spuk vorbei und unsere Klamotten können auf dem Rückweg nach Lagos trocknen.

Ein paar Tage später haben wir uns an die Zicken unseres launischen Kumpels gewöhnt, der die ganze Palette von Sonne bis Regen nach Lust und Laune über uns auskippt, vorzugsweise in schneller Folge und garniert mit Temperaturen zwischen 10 und 18 Grad. Hübscher Nebeneffekt sind die Regenbögen, die dem Ganzen eine fast märchenhafte Atmosphäre geben.

Schlaraffenland für Orangen-Fans: Silves

Absolutes Muss für jeden Barlavento-Reisenden ist Silves, die älteste Stadt der Algarve. Weithin sichtbar thront das imposante Castelo dos Mouros oberhalb der Altstadt. Auch für Kulturmuffel lohnt sich der Weg auf den Berg, allein schon der Aussicht wegen – Orangenhaine, soweit das Auge reicht.

In der Festung und überall in der Stadt finden sich Spuren früherer Bewohner. Phönizier, Karthager, Römer und Mauren, die Liste liest sich wie das Who’s who vergangener Kulturen. Wer lieber sehen möchte, wie man heute Städte belagert, sollte auf den Parkplatz beim Hallenbad fahren. Wir zählen mehr als 40 Wohnmobile. Ganz normale Härte, wird uns versichert, oft seien es noch weitaus mehr. Kopf schütteln und weiterfahren, mehr fällt uns dazu nicht ein.

Die Straße zum Arade-Stausee ist mit Obstständen gepflastert. Überall das gleiche Sortiment: Orangen, Mandarinen und manchmal auch ein paar Zitronen. Kein Wunder, die Ernte ist in vollem Gange, die leckeren Vitaminbomben im Überfluss vorhanden. Ein ganzer Alukoffer voll kostet gerade mal 6 Euro. Paradiesisch, zumal die Orangen viel aromatischer sind als ihre Verwandten aus dem Supermarkt. Schade nur, dass die EU dem Export einen Riegel vorschiebt – die Früchte sind zu klein.

Wir bringen uns gerade noch rechtzeitig in einer kleinen Bar in Sicherheit, bevor der nächste kräftige Schauer losbricht. Glück gehabt, es gibt leckere Sandwiches und freundliche Gespräche, eine kitschig geschmückte Plastiktanne in der Ecke erinnert daran, dass bald Weihnachten ist. Idylle auf Portugiesisch.

Bald ist der Himmel Richtung Küste wieder blau, im Norden hängen noch die Regenwolken. Deswegen nur ein kurzer Stopp an der Arade-Staumauer, bevor wir die Mopeds wieder gen Süden lenken. Schade zwar um die vielen kleinen Wege rund um den Arade- und angrenzenden Funcho-Stausee, aber auf Schlammschlacht können wir echt verzichten.

„Strandurlaub“ mit dem Moped

Stattdessen fahren wir an den Strand. Für Sommerurlauber selbstverständlich, haben wir daran bisher keinen Gedanken verschwendet. Dabei ist Praia da Rocha bei Portimão quasi die Wiege des Algarve-Tourismus. Anfang des 20. Jahrhunderts noch ein mondäner Badeort, ist die Infrastruktur heute vor allem auf Pauschaltouristen ausgelegt. Riesige Hotelanlagen, soweit das Auge reicht. Eine schmale Holztreppe führt hinunter in eine ursprünglichere Welt. Die Bettenburgen außer Sicht und vergessen, gibt hier das Meer den Ton an. Der feine goldene Sand bildet einen malerischen Kontrast zu den meterhohen Felswänden. Einzelne Steinbrocken stehen mittendrin, kleine Höhlen laden zum Entdecken ein. Ein Strand wie aus dem Bilderbuch.

Während wir noch staunen, tauchen schon wieder dunkle Wolken am Horizont auf. Heute will es „o vento“ wirklich wissen. Viel früher als uns lieb ist, erklimmen wir die Treppe hinauf in die hässliche Betonwelt, und versuchen, dem neuerlichen Regen etwas Positives abzugewinnen. Für irgendwas muss das ganze Wasser doch gut sein. Vielleicht ist der Sand im nassen Zustand sogar fest genug für die Mopeds? Dieser Gedanke begeistert uns, obwohl oder vermutlich gerade, weil wir keinerlei Sand-Erfahrung haben.

Auf der Suche nach einem Strand zum Testen zuckeln wir gemütlich in Richtung Westen. Der Praia de Alvor ist perfekt für unser Vorhaben. Nur eine kleine Sanddüne trennt uns vom Wasser. Also Gas auf und los. Leichter gesagt als getan: Ich bleibe prompt in der Mitte der Düne stecken. Mit vereinten Kräften befreien wir die Basic und kommen schließlich etwas außer Atem am Strand an.

Im Gegensatz zur Praia da Rocha erinnert dieser lange breite Strand eher an die Nordsee im Winter, was sicherlich von allem an der neblig-trüben Grundstimmung liegt. Das hat seinen ganz eigenen Reiz, aber viel zu bald verwandelt sich der feuchte Nebel wieder in dicke Tropfen. Zum Glück gibt es einen Holzsteg, der mir den Rückweg über die Düne erspart. Ralf grinst zwar, aber lieber Memme sein als Moped ausbuddeln im Regen.

Weihnachten im Barlavento

Noch einmal schlafen, dann ist Heiligabend. In Lagos merkt man davon wenig. Die Geschäfte haben ganz normal bis abends offen, sogar der Wochenmarkt findet statt. Auch bei uns will keine rechte Weihnachtsstimmung aufkommen, als wir durch die sehenswerte Altstadt mit ihren liebevoll restaurierten Häusern bummeln.

Heinrich der Seefahrer in Bronze schaut auf die alte Festung, Teile der Stadtmauer und Europas ersten Sklavenmarkt, der heute ein Museum ist. Man spürt deutlich, dass Lagos eine wichtige Rolle gespielt hat, damals, als Portugal noch eine bedeutende Seefahrernation war.

An der Kirche ein großes Schild: Gottesdienst um 22.00 Uhr. Ein Portugiese erzählt, dass Weihnachten traditionell mit dem Kirchgang beginnt. Selbst die Kinder müssen bis nach der Messe auf ihre Geschenke warten.

Wir beschließen spontan, abends in die Kirche zu gehen, und werden nicht enttäuscht. Von wegen besinnlich, hier herrscht Partystimmung. Die Texte der mitreißenden Lieder werden als Powerpoint-Präsentation auf eine Leinwand projiziert. Schlagzeug, Bass und mehrere Gitarren begleiten die Orgel. Als die ganze Gemeinde dann auch noch „Happy Birthday“ auf Portugiesisch singt, während der Pastor die Jesusfigur in die Krippe legt, sind wir endgültig von der ausgelassenen Stimmung erfasst, obwohl wir kein Wort verstehen. Ja, heute ist Jesus geboren und wir feiern gerne mit.

Grenzerfahrungen – Abstecher ins Alentejo

Für den zweiten Weihnachtsfeiertag verspricht der Wetterbericht Sonne und 15 Grad. Kurzerhand verschieben wir die Rückfahrt um einen Tag und die BMWs bekommen ein letztes Mal richtig Auslauf.

Nach einer kurzen Offroad-Einlage am Bravura-Stausee nehmen wir wieder einmal Kurs auf Monchique, diesmal „hintenrum“ über Foz de Besteiro. Es dauert nicht lange, da höre ich zum ersten Mal das Geräusch, das entsteht, wenn Metall auf Asphalt trifft. Krrrkk und nochmal krrrrrkk, diese Kurven machen einfach Laune. Dazu strahlendblauer Himmel und Sonnenschein.

Bis Nave Redonda, dem ersten Ort im Alentejo, schweben wir im siebten Motorradhimmel, dann werden die Kurven weniger, bis die Räder auf der Staumauer des Barragem de Santa Clara ausrollen. Zwei Wohnmobile nebst Insassen, ansonsten ist kein Mensch zu sehen. Auch wir verweilen nur kurz am zweitgrößten portugiesischen Stausee. Dem charmanten Städtchen Santa Clara a Velha mit seinem blau-weißen Kirchturm schenken wir ebenfalls nur einen flüchtigen Blick. Heute wollen wir fahren, einfach nur fahren. Als ob sie das wüsste, serviert uns die N123 bis Odemira ein Kurvenhighlight nach dem anderen. Wahnsinn!

Zum Cabo Sardão locken vor allem die legendären Felsenstörche, die in Schwindel erregender Höhe auf schmalen Felsnadeln nisten. Familie Storch überwintert zwar gerade in Afrika, aber die riesigen Nester beeindrucken auch ohne Bewohner. Schweren Herzens nehmen wir hier Abschied von der schroffen Felsküste und dem wilden Atlantik tief unten. Zumindest für dieses Jahr. Denn eins ist sicher: Auch wenn „o vento“ sich so manchen Scherz mit uns erlaubt hat – das Barlavento ist eine super Medizin gegen den Winterblues, eine, von der man immer mehr will.

Hast du jetzt Lust bekommen, den Artikel im Tourenfahrer zu lesen? Dann gehts hier zum PDF: Barlavento im Tourenfahrer, Heft 2/2013.

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