Motorradtraum Schottland – Teil 1:
Westliche Highlands und Hebriden

– erschienen in Wheelies, Heft 8-9/2009 –

 „Es kann nur einen geben!“ Im Kultfilm „Highlander“ eine ganz klare Sache, bei der Tourenplanung für unseren Schottland-Urlaub nicht ganz so einfach, denn viele Wege führen durch die Heimat von Kilt, Dudelsack & Co. Und bei sechs Leuten gibt es natürlich auch sechs Meinungen zu fast allem. Das Ende vom Lied: Wir buchen nur die Fähre und fahren einfach mal los, alles andere wird sich hoffentlich finden. Wir, das sind meine Schwester Michaela, unsere Kumpels Bix, Hopl und Jörg und natürlich Ralf und ich.

 Siegerland, Holland, England – Die Anreise

Nieselregen bei knapp über 10 Grad stimmt uns schon bei der Abfahrt im Siegerland auf das Wetter ein, das uns laut Internet auch in Schottland erwartet. Also Regenkombi an und ab auf die Bahn Richtung Amsterdam oder genauer gesagt Ijmuiden, von wo um 17.00 Uhr die tägliche Fähre nach Newcastle in Nordengland abfährt. Um 14.30 Uhr beginnt die Verladung. Wir staunen nicht schlecht, als die komplette Motoradkolonne in ein separates Mopedabteil gelotst wird, das durch eine Metallwand von den Autos getrennt ist. Im Gegensatz zu den einfachen Kälberstricken, die ich von den meisten Mittelmeerfähren kenne, stehen hier sogar stabile Ratschengurte zum Verzurren der Mopeds zur Verfügung. Nach getaner Arbeit machen wir uns nass geschwitzt – in dem schmalen Abteil herrschen Saunatemperaturen – auf die Suche nach unseren Kabinen.

Ich hätte lieber Deckpassage gebucht und mich mit dem Schlafsack in irgendeine Ecke gelegt, aber bei DFDS Seaways besteht Kabinenpflicht für alle Passagiere. Michaela und ich bekommen eine ziemlich luxuriöse Außenkabine ganz oben auf Deck 11. Die Innenkabine der anderen liegt auf Deck 2 und damit sogar noch zwei Etagen unterhalb der Motorräder. Ich bin froh, die 25 Euro mehr investiert zu haben, dort unten in direkter Nähe des Maschinenraums hätte ich vermutlich Platzangst bekommen.

Die „King of Scandinavia“ hat alles an Bord, um die Überfahrt kurzweilig zu gestalten: diverse Läden, Restaurants, Cafés, eine Bar mit einem etwas einsamen Alleinunterhalter, Kinos, Kinderparadies, Computerspiele und eine Disco, wo sich am frühen Abend mit Klunkern behangene ältere Damen in Abendkleid und voller Kriegsbemalung zum Bingo treffen. Echt lustig anzuschauen, ich wäre nie auf die Idee gekommen, extra für die Fähre ein Abendkleid einzupacken. Aber jedem das Seine.

Newcastle upon Tyne empfängt uns am nächsten Morgen pünktlich um halb zehn Ortszeit mit wolkenverhangenem Himmel und trockenen Straßen. Die Uhren haben wir schon am Abend eine Stunde zurückgestellt, also stürzen wir uns ganz entspannt in den Linksverkehr – am Anfang gewöhnungsbedürftig, aber wir haben den Dreh schnell raus.

Unser Tagesziel ist der Loch Lomond, der im Nationalpark The Trossachs nördlich von Glasgow liegt und einer der schönsten Seen Schottlands sein soll. Wir verlassen Newcastle daher auf der Autobahn in nordwestliche Richtung. Die Provinz Northumberland ist ziemlich hügelig und verfügt mit dem bereits von den Römern errichteten Hadrianswall über eine der beliebtesten Touristenattraktionen Nordenglands.

Welcome to Scotland

Und dann werden die Hügel steiler, die Wiesen grüner, sogar das Licht kommt uns irgendwie anders vor. Realität oder nur Einbildung? Wir wissen es nicht. Ganz sicher keine Einbildung ist die rote Ladekontrolleuchte, die Ralfs Blick kurz vor Glasgow von der Landschaft auf das Armaturenbrett seiner R 80 GS Basic lenkt. Anhalten, die üblichen Sachen checken, aber das Ding leuchtet immer noch. Also ist gleich am ersten Tag ein Werkstattbesuch fällig. Wir fragen einen Passanten und stehen zwei Minuten später auf dem Hof von Hamilton Motorcycles, einer freien Werkstatt für BMW und alle japanischen Marken im Glasgower Vorort Hamilton.

Die hilfsbereiten Jungs dort sind laut eigener Aussage die Einzigen in weitem Umkreis, die sich noch mit den alten Zweiventilboxern von BMW auskennen. Trotz voller Halle und richtig viel Arbeit zicken sie nicht rum, ruckzuck ist die Basic gestrippt und es geht ans Eingemachte. Diodenplatte, Regler, Rotor? Um das herauszufinden, kommt Michaelas R 100 GS kurzerhand mit in die Werkstatt und die entsprechenden Teile werden nacheinander in Ralfs Basic getestet. Kurz nach 18.00 Uhr steht die Diagnose fest: Gleich morgen früh wird ein neuer Rotor bestellt, der übermorgen da sein soll. Ralf und ich bleiben also wohl oder übel in Glasgow, die anderen fahren wie geplant weiter.

Wir haben gerade ein Hotel gefunden, da klingelt das Handy: Michaelas GS steht am Loch Lomond und macht keinen Mucks mehr. Haben die Hamilton-Jungs irgendwas falsch gemacht bei ihrer Umbauaktion? Der Verdacht liegt nahe, also steht für Ralf und mich statt Glasgow-Bummel am nächsten Tag wieder Hamilton auf dem Programm. Es wird Nachmittag, bis der ADAC die BMW bringt. Das Problem ist schnell gefunden und liegt definitiv nicht bei Robert und David, die erleichtert aufatmen. Der Anlasser ist verreckt! Echt ein dummer Zufall, dass die sonst so unkaputtbaren Zweiventilboxer beide am gleichen Tag den Geist aufgegeben haben. Der lakonische Tipp von David: „Buy a Honda!“ Wir schütteln lachend den Kopf, nehmen einen Tag später beide Mopeds wieder in Empfang und machen uns auf den Weg zu Hopl, der am Loch Lomond die Zelte hütet.

Regen, Regen und die Killer-Midges

„The Trossachs“ bedeutet übersetzt „raues hartes Land“, uns kommt die Landschaft aber eher lieblich-romantisch vor, zumal es im Gegensatz zu gestern mal nicht regnet. Saftig grüne Hügel, niedliche kleine Dörfchen, auf dem dunkelblauen Loch Lomond schaukeln ein paar Boote – Idylle pur.

Der Campingplatz von Millarochy liegt malerisch direkt am Ufer. Michaela und Bix verschwinden nach einem prüfenden Blick gen Himmel schnell in ihrem Zelt, Hopl verlässt seins nur kurz, um uns zu begrüßen. Ralf und ich sind etwas verwirrt, beeilen uns aber mit dem Zeltaufbau, die anderen haben schließlich schon zwei Nächte hier verbracht und wissen das Wetter wohl zu deuten. Minuten später schüttet es wie aus Eimern und wir flüchten ebenfalls ins Zelt.

Das unbeständige Wetter ist der eine Grund, warum wir schon zuhause den Tipp bekamen, auf keinen Fall in den Highlands zu zelten. Am nächsten Morgen lernen Ralf und ich sprichwörtlich hautnah den anderen kennen: Midges! Diese für die Highlands typischen maximal zwei Millimeter großen Stechmücken fallen von Juni bis August in riesigen Schwärmen über ahnungslose Camper her, kriechen überall rum und sind nur auf eins aus: Blut. Dagegen hilft rein gar nichts, wie Michaela, Bix und Hopl in den zwei Tagen vorher schon festgestellt haben, die Midges kommen einfach überall hin. Und sie sind sofort zur Stelle, wenn es windstill ist und nicht allzu viel regnet. Also verzichten wir auf ein Frühstück, bauen die Zelte in voller Mopedmontur inklusive Helm und Handschuhen ab und suchen unser Heil in der Flucht. Nix wie weg, auch wenn die Gegend um den Loch Lomond wirklich wunderschön ist.

Wir verlassen den Nationalpark in nordwestlicher Richtung. An den immer wieder einsetzenden Regen haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Am niedlichen Hafen von Inverary halten wir an, wärmen uns in einem der plüschigen Cafés auf und holen das verpasste Frühstück nach. Auf der Karte steht das schottische Nationalgericht Haggis, eine Mischung aus Schafsinnereien und Hafer, traditionell serviert mit Kartoffelbrei und Rübenmus. Hört sich superwiderlich an, sieht aber ganz harmlos wie eine Art Hackfleisch aus und schmeckt auch gar nicht so schlecht, ein bisschen nach Blutwurst.

Seeluft, Single Tracks und Schafe – die inneren Hebriden

Frisch gestärkt geht’s an die Westküste und damit in die Midge-arme Zone, denn wo viel Wind ist, können die Viecher nicht fliegen und bleiben deshalb am Boden. Unterhalb von Oban treffen wir in der Nähe des kleinen Ortes Seil erstmals auf den Atlantik. Die Sonne scheint, um uns herum Klippen und tosende Brandung, hinter uns das satte Grün der Wiesen. Wir genießen einfach den Ausblick und lassen uns den Wind um die Nase wehen.

Am späten Nachmittag kommen wir in Oban an, der Himmel ist schon wieder dunkel, der Regen nah. Die Fähre nach Mull fährt in zehn Minuten ab, wir kaufen ganz spontan Tickets und sind eine dreiviertel Stunde später auf der Insel. Durch menschenleere Berglandschaft fahren wir Richtung Süden. Karge Wiesen, Büsche und Schafe sind allgegenwärtig, höhere Bäume, Häuser und Leute sehr selten. Wir finden einen supertollen Campingplatz in Fhinnport, direkt am Meer mit Blick auf die Insel Iona. Dieser wird aber bald wieder durch dichte Regenwolken verdeckt, dazu weht ein kräftiger Wind. Obwohl wir in einer kleinen Senke zelten, ist Hopls Zelt den Wetterbedingungen nicht gewachsen. Auch unser über lange Jahre bewährtes Outdoorheim lässt den anhaltenden Regen an einer Stelle durch, aber wir platzieren einfach unsere Salatschüssel zwischen Innen- und Außenzelt und bleiben so zumindest trocken. Das Zelt der anderen beiden zerrt an allen Leinen, hält aber.

Morgens liegt das Meer ruhig da, als ob nichts gewesen wäre. Blauer Himmel, Sonnenschein, ein paar blökende Schafe, die sich mit uns den Zeltplatz teilen. Wir genießen unser erstes gemeinsames Frühstück draußen. Die Jungs haben keine Lust auf Kultur, also warten sie in Fhinnport bei den Mopeds, während Michaela und ich mit vielen anderen Touristen rüber nach Iona fahren. Die beschauliche Insel ist autofrei und gilt als Wiege des Christentums in Großbritannien: Bereits im Jahr 563 gründete der irische Heilige Columban hier ein Männerkloster. Weibliche Wesen waren strikt verboten, sogar wenn sie der Spezies Rind oder Schaf angehörten. Wie gut, dass das heute anders ist, denn die Insel hat ein ganz eigenes Flair. Wir besichtigen die Iona Abbey, genießen eine Stunde lang die Ruhe und schlendern dann wieder zurück zur Fähre.

Die Jungs haben sich die Zeit am Strand vertrieben und beschlossen, dass wir nach Tobermory müssen. Nicht wegen der schönen Hafenpromenade mit den bunten Häusern, sondern weil es dort den einzigen Geldautomaten auf Mull gibt, der auch ausländische Karten akzeptiert. Der Weg führt an der Küste entlang einmal um die ganze Insel. Überall tolle Ausblicke, hier und da mal ein Haus, ansonsten einfach nur Ruhe – und natürlich Schafe, mal hinter Weidezäunen, meist aber frei rumlaufend. Auf der schmalen Single Track Road begegnen uns kaum Autos. Aber selbst wenn: Das schottische Verkehrssystem funktioniert perfekt. Alle paar Meter gibt es Ausweichbuchten. Wer als erster diese Passing Places erreicht, wartet einfach, bis der Gegenverkehr durch ist und weiter geht’s. Auch das Überholen von langsameren Fahrzeugen geschieht auf diese Weise.

Überhaupt geht es in Schottland viel geruhsamer zu als bei uns. Die Leute sind freundlich, haben Zeit und leben einfach statt im Stechschritt durch ihr Leben zu hetzen, wie es bei uns gang und gäbe ist. Wir sind nun fast eine Woche unterwegs, haben mittlerweile jegliches Zeitgefühl verloren, um uns herum Landschaft, Schafe und der allgegenwärtige Regen. Da wirkt das Touristädtchen Fort William fast wie ein Aufputschmittel, denn hier gibt es alles, was das Herz begehrt. Außerdem beginnt hier die Route to the Isles, vom Reiseführer als eine der schönsten Panoramastraßen Schottlands gepriesen. Nach all den kleinen und kleinsten Straßen kommt auf der gut ausgebauten Strecke mal wieder Motorradfeeling auf. Eine Kurve nach der anderen und ausnahmsweise mal trocken – da macht es Spaß, die Kuh mal wieder ein bisschen fliegen zu lassen. In Mallaig wartet schon die Fähre und eine knappe Stunde später betreten wir die Isle of Skye, deren gälischer Name „An t-Eilean Sgitheanach auf deutsch „Insel des Nebels“ bedeutet.

Isle of Skye: Die Insel des Nebels

Die größte Hebrideninsel ist ein Muss für jeden Schottland-Touristen. Wir haben keine Lust mehr auf Zelten im Regen und mieten wir uns für die nächsten zwei Tage im „Bayfield Backpackers“ ein, einem netten Hostel in Portree. Kaum haben wir unsere Mopeds abgepackt, kommt die Sonne raus und es wird warm. Wir trauen dem Braten nicht und nehmen trotzdem unsere Regenkombis mit für eine Tour über die Insel. Kilt Rock, Totternish-Halbinsel, Waternish Point und über allem blauer Himmel und dieses besondere milchig-weiße Licht, einfach traumhaft. Ich fahre fast wie in Trance und versuche, alles in mich aufzunehmen, als es vor mir auf einmal fürchterlich scheppert. Instinktiv gehe ich voll in die Eisen und kann das unerwartete Hindernis umfahren: Ralfs rechte Alubox ist abgefallen, poltert ein paar Meter weiter und bleibt schließlich mitten auf der Straße liegen. Er hat von alldem nichts bemerkt und fährt trotz meines Hupens einfach weiter. Ich schnalle den zum Glück fast leeren Koffer auf meinen Gepäckträger und hole die anderen im nächsten Dorf wieder ein. Ralf guckt erstmal unbeteiligt, als ich ihn überhole und auf den Koffer zeige, dann erkennt er seine Alubox und die Augen werden langsam größer, denn die Schlösser waren nagelneu.

Wir besichtigen Dunvegan-Castle, den etwas heruntergekommenen Stammsitz des MacLeod-Clans, genießen den wunderschönen Garten und machen uns dann auf den Weg zum Leuchtturm am Neist Point. Bix, Hopl und Michaela fahren vor, Ralf und ich stellen wieder mal fest, dass die Schotten total hilfsbereit sind: In einer kleinen Reifenwerkstatt darf Ralf seinen Koffer nachnieten, befestigt ihn aber sicherheitshalber zusätzlich mit einem Spanngurt, sicher ist sicher.

Abends in Portree ist dann auch Jörg angekommen. Er hat nur eine Woche Urlaub, ist gestern aus Heidelberg losgefahren und hat seine Africa Twin nach unseren telefonischen Berichten mit allerhand Schlechtwetterausrüstung voll gepackt. Sogar ein zusätzliches Zelt hat er netterweise dabei, falls Hopls oder unseres die weiter im Norden zuerwartenden Sturmnächte nicht überleben sollte. Alles unnötig, wie sich noch herausstellen wird… Aber lest selbst: Hier gehts zum zweiten Teil unserer Schottlandreise.

Wenn du wissen möchtest, wie der Originalartikel im Wheelies aussah, dann gehts hier zum PDF: Reisebericht Schottland, Teil 1 in Wheelies, Heft 8-9/2009

 

 

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