Motorradtraum Schottland – Teil 2:
Der Norden und die zentralen Highlands

– erschienen in Wheelies, Heft 10-11/2009 –

Für diejenigen, die den ersten Teil unserer Schottlandreise (WHEELIES August/September 2009 oder hier) verpasst haben: Wir sind nun schon eine Woche in diesem genialen Land unterwegs und total begeistert von den Leuten, der Landschaft und dem Lebensrhythmus hier. Das Wetter war bisher typisch schottisch, also eher regnerisch. Aber das soll sich nun grundlegend ändern. Heute ist unser Kumpel Jörg angekommen, wir sind nun zu sechst und damit vollzählig.

Pipes und Pubs – abends auf der Isle of Skye

Jörg hat unsere heutige Tour über die Isle of Skye – für mich eins der Highlights des Urlaubs – zwar verpasst, bekommt aber gleich eine gehörige Dosis schottische Lebensart mit, denn quasi als Begrüßungskomitee spielt abends auf dem Hauptplatz von Portree eine traditionelle Dudelsackkapelle. Nett anzuschauen, der Musikgenuss hält sich aber – zumindest für mich – doch stark in Grenzen. Ein, zwei Lieder sind ja mal ganz nett, aber dann ist auch genug.

Schon eher mein Ding ist die Live Musik, die aus einem der typisch schottischen Pubs rund um den Platz nach draußen dringt, wenn die Pipe Band mal eine Pause macht. Gitarrist und Geiger sitzen einfach mitten im Raum an einem Tisch und spielen moderne und traditionelle schottische Musik. Die anderen Gäste hören zu, trinken ihr Bier und unterhalten sich miteinander. Wir sind sofort integriert, denn die Menschen sind offen und kontaktfreudig, hier bleibt man nicht unter sich. Ein älterer Schotte möchte wissen, woher wir kommen und wie uns Schottland gefällt. Ein junges Paar rät, nach Glencoe zu fahren, das sei hier die Bikergegend schlechthin, und eine schwedische Touristin möchte unbedingt mit Hopl kuscheln, der aber die Kombination „Musik“ und „Isle of Skye-Whisky“ eindeutig vorzieht. Rosemary findet ihn trotzdem „soooo cute“ und flirtet, was das Zeug hält. Erfolglos, aber so ist das Leben eben, auch in Schottland.

Idylle in grün-blau – Applecross

Wir verlassen die Isle of Skye über das lange Zeit umstrittenste Bauprojekt der Insel, die imposante 500 Meter lange Brücke, die seit 1995 die Verbindung zum Festland schafft. Der in den ersten Jahren erhobene Brückenzoll wurde nach Protesten der Bevölkerung mittlerweile abgeschafft und so rollen wir kostenlos und bei besten Wetter Richtung Kyle of Lochalsh. Nur wenige Kilometer östlich kommen Highlander-Fans voll auf ihre Kosten. Die aus diesem und anderen Filmen (z.B. Braveheart oder dem James Bond-Streifen „Die Welt ist nicht genug“) bekannte Burg heißt im wirklichen Leben Eilean Donan Castle, liegt malerisch im Loch Duich und beherbergt heute ein Museum.

Ein Stück weiter nördlich lockt der höchste Pass Schottlands, der Bealach na Ba auf der Halbinsel Applecross: Gerade mal 626 Meter ist er hoch und doch kommt fast Alpenfeeling auf. Die engen Kehren schlängeln sich mit Steigungen bis zu 20 Prozent nach oben, die karge Landschaft ohne Baum und Strauch passt ebenfalls ins Bild. Im Gegensatz zu den bekannten Alpenpässen gibt es auf dem „Viehpass“ aber keinerlei touristische Infrastruktur. Weder Kartenständer noch Souvenirläden, nicht mal eine einsame Fressbude. Einfach nur Ruhe – und eine Armee von Steinmännchen in allen Größen. Da müssen wir natürlich mitbauen, nachdem wir ausgiebig den grandiosen Ausblick rüber nach Skye und auf die anderen Hebrideninseln genossen haben. Blauer Himmel, Sonnenschein und eine super Fernsicht, was wollen wir mehr?

Die einzige Straße auf Applecross führt immer an der Küste lang einmal um die ganze Halbinsel und ist einfach nur klasse. Die Landschaft bleibt so karg wie auf dem Pass, der Verkehr ist gleich null, aber die Aussicht begeistert uns alle – und verführt dazu, doch nicht sooo genau auf die Straße zu gucken, es kommt ja eh keiner. Genau das wird Jörg zum Verhängnis: Als Bix dann doch mal bremsen muss, rauscht er voll in ihn rein, rasiert ihm den linken Koffer nebst Halter ab und wirft sich dann spektakulär in den Graben. Seine Africa Twin übersteht den Crash mit kleineren Schäden, er selbst hat lediglich ein paar Kratzer am Ego, aber der Kofferhalter an Bix’s BMW ist glatt in drei Teile gebrochen.

Abends starten die beiden zwar noch einige Reparaturversuche, aber recht bald ist klar, dass am nächsten Tag Inverness auf unserem Programm steht. Bix bestellt die Teile beim dortigen BMW-Händler und wir genießen den ungeplanten Aufenthalt in der hübschen Hauptstadt der Highlands mit ihren viktorianischen Häusern und der rosafarbenen Burg.

Richtung Norden – immer an der Küste entlang

Es ist Spätnachmittag, als wir wieder in Gairloch ankommen. Unser Campingplatz liegt etwas außerhalb des Städtchens mitten in den Dünen und hat den passenden Namen „Sands Holiday Centre“. Hier können wir endlich abends grillen, lange draußen sitzen und die schönsten Sonnenuntergänge genießen. Richtig dunkel wird es so weit nördlich gar nicht mehr und wir sind nicht die einzigen, die weit nach Mitternacht noch zu einem Strandspaziergang aufbrechen. Wer keine Lust auf Camping hat, sollte sich frühzeitig ein Zimmer im malerischen Rua Reidh Leuchtturm ein paar Kilometer weiter reservieren.

Schade, dass wir am nächsten Tag unsere Zelte schon wieder abbrechen müssen. Bix heizt nach Inverness, um seine Teile zu holen, wir anderen folgen der Küstenstraße weiter nach Norden, Treffpunkt ist Ullapool. Eine Reihe weiß getünchter Häuser am Hafen, ein paar Straßen im Hinterland – das ist die schottische Interpretation für „bedeutendste Stadt der nordwestlichen Highlands“. Ein Besuch lohnt sich allemal. Fischfang wird hier richtig kommerziell betrieben, die Kutter im Hafen erinnern nur entfernt an romantische Fischerboote. Ein ziemliches Gedränge herrscht an der mehrfach preisgekrönten Fish&Chips-Bude mit angeschlossenem Restaurant, der Tipp steht wohl in jedem Reiseführer.

Weiter geht’s entlang der Küste. Kleine und größere Lochs, teilweise mit unzähligen Seerosen bedeckt, dazu Felsen und mit grünem Samt bezogene Hügel, über allem ein strahlendblauer Himmel. Diese Landschaft langweilt uns auch nach anderthalb Wochen nicht, im Gegenteil. Am Point of Stoer erfreut nicht nur ein weiterer Leuchtturm mit toller Aussicht, sondern auch ein kleiner Kiosk mit sensationell gutem selbst gebackenen Kuchen. Unbedingt probieren!

Unsere Versuche, den Weg zum Cape Wrath zu finden, scheitern dagegen kläglich. Später erfahren wir, dass die in Bix’s Karte eingezeichnete Straße ein Wanderweg und der nordwestlichste Punkt des schottischen Festlands nur zu Fuß oder mit dem Boot zu erreichen ist. Da wir keine Lust haben, 18 Kilometer zu laufen, geben wir unseren Plan auf und richten uns in Durness häuslich ein.

Der Wind zerrt schon beim Aufbauen kräftig an den Leinen unserer Zelte, denn der Campingplatz liegt völlig ungeschützt direkt an der Steilküste. Dafür ist die Aussieht wieder mal atemberaubend. Später am Abend frischt es sogar noch auf, der Himmel wird bedrohlich schwarz, alle Zeichen stehen auf Unwetter. Wir haben echt Angst wegzufliegen und gehen früh ins Bett, um zusätzliches Gewicht in die Zelte zu bringen. Der erwartete Regen bleibt jedoch aus, am nächsten Morgen ist wieder eitel Sonnenschein.

Die Smoo Cave wurde uns daheim als super sehenswert angepriesen, entpuppt sich vor Ort aber als Enttäuschung, zumindest für verwöhnte Tropfsteinhöhlenfans wie mich. Eigentlich kann man vom Eingang aus alles sehen, wer will, kann sich trotzdem mit einem Boot reinfahren lassen, was wir natürlich tun. Wirklich begeistert von der Höhle ist aber nur unser Bootführer Colin, der in den schillerndsten Farben von dem verzweigten Höhlensystem schwärmt, das leider Höhlenforschern wie ihm vorbehalten ist.

Wir verlassen den nördlichsten Punkt unserer Reise, nehmen auf der Küstenstraße rund um den Loch Eriboll Abschied vom Meer und lenken die Mopeds ins Landesinnere. Das schmale Sträßchen schlängelt sich vom Örtchen Hope am Fuß des gleichnamigen Berges entlang und ist kaum mehr als ein Feldweg. Der einzige schattige Ort für Stunden ist der Broch Dun Dornaigil, ein steinerner Wohnturm, wie er in der Neusteinzeit im holzarmen Norden Schottlands üblich war. In der Konstruktion einfach, aber irgendwie doch faszinierend. Nur müssen die Leute hier früher Zwerge gewesen sein, der Eingang geht mir gerade einmal bis zur Hüfte.

Es ist schon später Nachmittag, als wir vor der Glenmorangie Destillery stehen, die schon von außen sehr imposant wirkt. Wir wundern uns über den leeren Parkplatz, stellen aber sofort den Grund fest: Die schließen tatsächlich schon um 16.00 Uhr – und wir sind eine halbe Stunde zu spät. Morgen früh wiederkommen oder weiterfahren? Das ist hier die Frage. Wir wollen zwar unbedingt eine Destille besichtigen, müssen aber in drei Tagen wieder in Newcastle an der Fähre sein, also machen wir lieber Strecke und hoffen auf eine weitere Chance auf dem Weg nach Süden.

Das Ungeheuer von Loch Ness – ein harmloses grünes Plüschtier?

Die A9 ist absolut unspektakulär, erlaubt aber immer mal wieder Ausblicke auf die Ostküste, die viel lieblicher ist als ihr Pendant im Westen, zumindest hier oben. Bei Inverness biegen wir auf die A 82 ab, die Westuferstraße des berühmten Loch Ness. Wir kommen gar nicht dazu, nach Nessie Ausschau zu halten, denn die gut ausgebaute Straße macht wider Erwarten echt Spaß. Kurve an Kurve treiben wir die Mopeds den zwar nur zweitgrößten, aber sicherlich bekanntesten schottischen See entlang.

Ruckzuck sind wir ganz im Süden und schlagen in Fort Augustus unser Nachtlager auf. Im Gegensatz zum Hauptort Drumnadrochit herrscht hier himmlische Ruhe – für uns, die wir ja heute morgen erst im menschenleeren Norden gestartet sind, trotzdem Touristenrummel pur: Nessie here, Nessie there, Nessie everywhere. Kein noch so mehr oder weniger nutzloses Souvenir kommt ohne das freundliche grüne Monster aus. Wahre Herden von Plüsch-Nessies bevölkern den Ort. Interessanter finden wir die fünfstufige Schleuse, die den Caldonian Canal mit dem Loch Ness verbindet.

Das teuerste Batterieladegerät der Welt

Am nächsten Morgen gönnen wir uns ein typisch schottisches Frühstück. Bei der Streckenplanung im Café fällt uns das junge Paar aus dem Pub in Portree wieder ein und wir beschließen, über Glencoe weiter nach Süden zu fahren. Meistens hat es ja einen Grund, wenn sich viele Motorradfahrer an einem Ort versammeln. Im Falle Glencoe bleibt uns dieser allerdings erstmal verborgen, denn hier ist es zwar bergig, die Straße aber sehr breit und fast schnurgerade. Michaelas BMW sucht sich gerade diesen Ort aus, um wieder einmal stehen zu bleiben. Eine kurze Mess- und Schraubaktion bringt ans Licht, dass die Batterie nicht geladen wird. Die üblichen, schon aus Ralfs Basic bekannten Verdächtigen: Regler, Diodenplatte oder Rotor. Um erstmal weiter zu kommen, bauen wir die leere Batterie zum aufladen in die Basic, Michaela fährt mit Ralfs Batterie weiter.

Am erstaunlicherweise sehr gut besuchten Bikertreff bei Clifton bekommen wir eine Ahnung, warum die Schotten Glencoe toll finden könnten: Auf dem Parkplatz stehen ausschließlich Rennsemmeln. Wer weiß, vielleicht ist die an sich langweilige Bergstrecke bei 240 km/h ja doch ein Highlight?

Viel spannender finden wir Kilchurn Castle an der Nordspitze des Loch Awe. Mit den dunklen Wolken, dem See und den Bergen im Hintergrund bedient die Ruine aus dem 15. Jahrhundert jedes Schottland-Klischee. Wir klettern auf die gut erhaltenen Türme, schauen zwei Anglern zu, die im Loch Awe ihr Glück versuchen und lassen uns von der fast mystischen Stimmung einfangen, bevor uns die realen technischen Herausforderungen wieder in die Jetzt-Zeit beamen.

Michaela findet es zwar gar nicht schlecht, in Ralfs Basic das wohl exklusivste Batterieladegerät der Welt zu besitzen, aber alle paar hundert Kilometer Batterie tauschen ist doch etwas lästig. Daher verabschieden wir uns von unserem ursprünglichen Plan, die letzten anderthalb Tage ohne den Besuch größerer Städte gemütlich an der Ostküste zu verbringen und steuern Stirling an. Eine nette Bed&Breakfast-Pension ist schnell gefunden und es macht richtig Spaß, zur Abwechslung mal ohne Mopedklamotten die Stadt zu erkunden.

BMW-Diaspora, Single Malt Whisky und wieder einmal Glasgow

Nach dem typisch schottischen Frühstück am nächsten Morgen starte ich eine Telefonaktion. Der BMW-Händler in Stirling selbst kümmert sich nur um Autos, der in Edinburgh erzählt mir allen Ernstes, dass es eine R 100 GS von BMW nie gegeben hat, nur weil er dieses Modell in seinem Ersatzteilkatalog nicht findet. BMW in Glasgow zeigt sich ähnlich unwissend, also rufe ich bei Hamilton Motorcycles an, um endlich mal mit wem zu reden, der Ahnung hat. David weiß sofort, wovon ich spreche und stellt die richtigen Fragen. Schnell ist klar, dass wir die Ostküste ganz abhaken können, wir müssen wohl doch wieder nach Hamilton. Michaela und Bix fahren auf direktem Weg dorthin, damit eventuell noch Teile bestellt werden können.

Hopl, Jörg, Ralf und ich bummeln langsam auf kleinen niedlichen Sträßchen in die gleiche Richtung. Und – man glaubt es kaum – wir schaffen es tatsächlich am letzten Tag noch, eine Destillerie zu besichtigen. Glengoyne ist relativ klein, aber nach eigener Aussage einer der führenden Single Malt Hersteller der Welt. Nach dem Probierschluck glauben wir das sofort, der Whisky ist echt gut, die Führung ebenso. Als der Angestellte im Shop sieht, dass wir mit dem Motorrad da sind, empfiehlt er uns einen Besuch in der angesagtesten Bikerkneipe der Region. Er macht uns den Mund so wässrig mit dem dort wohl legendären Haggis in Glengoyne-Whisky-Sauce, dass die Entscheidung nicht schwer fällt, zumal Michaela und Bix gerade angekommen sind und ebenfalls Hunger haben.

Das Carbeth Inn liegt etwas außerhalb, gehört zum Ort Blanefield und ist eine urige Kneipe an einer wirklich netten Kurvenstrecke. Innen liebevoll dekoriert, außen rustikaler Biergarten. Am Wochenende wohl der Bikertreff schlechthin, am heutigen Montag steigern wir mit unseren sechs Mopeds die Bikerfrequenz um 300 Prozent. Das Essen ist lecker, die Portionen großzügig bemessen und wir genießen das beste Haggis des ganzen Urlaubs. Auf Anfrage bekommen Michaela und ich sogar einen frischen Salat, den es so in der Karte gar nicht gibt. Aufgrund der Temperaturen nahe 30 Grad ordern wir Getränk um Getränk, während wir überlegen, was wir mit unserem letzten Abend anfangen sollen.

Hamilton Motorcycles forever

Da Michaela morgen früh um zehn einen Termin in Hamilton hat und Ralf und ich zumindest ein günstiges Hotel in Glasgow kennen, verbringen wir ihn letztendlich in der Stadt. Und der Urlaub endet da, wo er angefangen hat: bei Hamilton Motorcycles. David und Robert begrüßen uns wie alte Bekannte und versprechen, vor unserem nächsten Schottlandurlaub ein kleines Ersatzteillager für alte BMWs anzulegen, wenn wir rechtzeitig anrufen.

Und dass wir wieder kommen werden, steht für uns alle außer Frage.

 

Wenn du wissen möchtest, wie der Originalartikel im Wheelies aussah, dann gehts hier zum PDF: Reisebericht Schottland, Teil 2 in Wheelies, Heft 10-11/2009 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.