30 Tage, 8000 km, unzählige Kurven und jede Menge Spaß – Teil 2: Portugal

– erschienen in Wheelies, Heft 12/2008 –

Für diejenigen, die neu in die Geschichte einsteigen: Mittlerweile liegt mit den Pyrenäen das erste Highlight unserer Reise auch kilometermäßig weit hinter uns (WHEELIES November 2008 oder hier). Die rund 900 km vom Nordosten bis in den Südwesten Spaniens haben wir an zwei Tagen bei brüllender Hitze mehr oder weniger abgespult, ohne nach rechts und links zu schauen.

Der erste Abend in Portugal

Dementsprechend froh sind wir jetzt, als wir gegen 18h bei Badajoz die Grenze überqueren – endlich in Portugal. Riesige Displays erinnern auf den ersten Kilometern mehrfach daran, dass hier die Uhren anders gehen. Wir stellen sie also beim Stopp in der Grenzstadt Elvas brav eine Stunde zurück. Noch bevor man richtig in der Stadt ist, fährt man schon durch ihre größte Sehenswürdig­keit, das imposante Aquädukt aus dem 16. Jahrhundert.

Mit vier „Stockwerken“ aus Rundbögen ist die acht Kilometer lange Wasserleitung eine der größten und schönsten der iberischen Halbinsel. Wir sind beeindruckt, aber im Moment steht uns der Sinn eher nach einer Dusche und einem leckeren Abendessen. Aber unsere gewonnene Stunde geht für die Unterkunftssuche drauf und wir verlassen Elvas erfolglos und leicht genervt.

Auch im 12 Kilometer entfernten Campo Major sieht’s zuerst schlecht aus mit einem Bett für die Nacht, bis bei unserer dritten Runde um den Dorfplatz ein hilfsbereiter Jugendlicher auf die Straße springt. Er fragt, ob wir auf dem Rückweg von der „Faro Bike Week“ sind und fängt gleich an, uns den Weg nach Spanien zu erklären. Auf unser „No, we are looking for a hotel“ weiß er Gott sei Dank ebenfalls Rat: Das Restaurant „Trindade“ zwei Straßen weiter vermietet Zimmer, auch wenn außen nichts darauf hinweist. Ein Glücksgriff, denn der gleichnamige Besitzer, José Trindade, ist supernett und das einfache Zimmer liebevoll eingerichtet.

Nach der verdienten Dusche erwartet uns im Restaurant eine weitere positive Überraschung: Reichhaltiges und wirklich gutes regionales Essen zu Preisen, über die wir nur staunen können. Letztendlich zahlen wir insgesamt 60 Euro für die Übernachtung und ein mehrgängiges Abendessen. Und das Beste: Als alle Gäste weg sind, dürfen unsere Mopeds im zwar engen, aber dafür umso nobleren Eingangsbereich des Restaurants parken – auf Marmorboden in romantischer Jugendstilumgebung.

Korkeichen- und Cowboyland: das Alentejo

Unser erster Weg am nächsten Tag führt uns noch mal die paar Kilometer zurück nach Spanien: Dort ist der Sprit erheblich billiger als in Portugal, wo diesbezüglich fast deutsches Niveau herrscht. Voll getankt erforschen wir auf kleinen Sträßchen das Alentejo, grobe Richtung Évora. Diese sanft hügelige Gegend ist eher unspektakulär, aber gerade deswegen zieht sie uns in ihren Bann. Korkeichen- und Olivenplantagen dominieren das Bild, Viehherden bewegen sich gemächlich über die weiten Freiflächen zwischen den Bäumen.

Die wenigen Dörfer machen einen fast verschlafenen Eindruck, genau das richtige nach zwei anstrengenden Autobahntagen. Einmal werden wir von einem Polizisten angehalten, der sein Auto im Schatten einer Korkeiche geparkt hat. Hinterher müssen wir lachen, denn er will nur wissen, woher wir kommen und ob uns Portugal gefällt, und das, obwohl ich seit gestern ohne Frontlicht fahre, weil das Birnchen kaputt ist. Sogar ein paar „echte“ Cowboys galoppieren uns über den Weg – wohl eine Ausnahme, denn die meisten haben das Pferd längst durch den Jeep ersetzt.

An diesem Tag fahren wir nur knappe 100 km und genießen die immer gleiche Landschaft: Dass Portugal rund die Hälfte des Weltbedarfs an Kork deckt, wundert uns nun nicht mehr. Im Gegensatz dazu ist unser Tagesziel Kultur und Geschichte pur. Mit seinen 25.000 Einwohnern hätte Évora in Deutschland gerade mal den Sprung vom Dorf zur Stadt geschafft, ist aber nicht nur Erzbischofssitz und Universitätsstadt, sondern auch Weltkulturerbe. Hotels und Pensionen gibt es an jeder Ecke, so dass die Zimmersuche in wenigen Minuten abgehakt ist.

Alle wichtigen Sehenswürdigkeiten können wir praktischerweise auf unserem abendlichen Altstadtbummel anschauen. Bauwerke und Kirchen sehr unterschiedlicher Epochen machen das Stadtbild aus, mein Lieblingsfotomotiv sind die die römischen Säulen des Diana-Tempels aus dem 2. Jahrhundert vor blauem Himmel. Trotz der geballten Ladung Kultur ist Évora kein bisschen angestaubt: Überwiegend junge Leute flanieren in Gruppen durch die Gassen und haben Spaß – ein schöner Gegensatz zu unserer gemütlichen Landstraßenbummelei.

Am nächsten Morgen setzen wir den Weg mit der neu gefundenen Gelassenheit gen Süden fort. In Beja bekommen wir ein Birnchen für den Plastikbomber, der damit zwar wieder Licht hat, aber in der Pannenstatistik zwei Punkte hinter Ralfs Basic liegt. Moderne Technik scheint wirklich anfälliger zu sein als die guten alten 2V-Boxer.

 Im Nationalpark do Vale do Guardiana haben wir erstmals seit den Pyrenäen wieder richtige Motorradstrecken unter den Rädern. Trotz Temperaturen von mittlerweile über 40 Grad sind wir voll in unserem Element, schenken uns aber die vielen auf der Karte eingezeichneten Pisten und Naturstraßen – bei dieser Hitze fehlt uns einfach die nötige Konzentration für Offroad-Einlagen mit vollem Gepäck. Die Straße von Alcutim entlang des Rio Guardiana, der die Grenze zu Spanien bildet, entschädigt uns dafür, genauso wie der leichte Wind, der das nahe Meer ankündigt.

Spektakuläre Steilküste und weite Sandstrände

Da der Osten der Algarve durch die vorgelagerten Dünen keinen direkten Blick aufs Meer bietet, fahren wir durch bis Faro, wo wir schnell eine Pension in der Innenstadt finden, sogar mit Tiefgarage. Super, denn so kann ein Teil unseres Gepäcks auf den Mopeds bleiben. Duschen, umziehen und ab ins Getümmel: An diesem Wochenende feiern die Einheimischen das alljährliche „Lobster-Festival“ mit jeder Menge Meeresfrüchte, aber auch guter Rockmusik. Wir lassen uns treiben, bummeln am Hafen lang und genießen einfach die Nacht am Meer.

Westlich von Faro beginnen die endlosen Sandstrände und mit ihnen die hässlichen Touristenhochburgen. Den nach zwei Wochen Urlaub sehr erwünschten Waschsalon vermuten wir hier am  ehesten, aber Fehlanzeige. In Lagos gibt es dafür eine Wäscherei, die für 2 Euro das Kilo bis zum nächsten Tag alles wäscht und zusammenlegt, bügeln kostet extra. Die nette Dame erklärt, dass es in ganz Portugal keinen Waschsalon gibt, was wir bei den Preisen sofort verstehen. Um zwei Ecken finden wir auch eine hübsche Pension, ganz in der Nähe der spektakulären Steilküste, für die die Algarve bekannt ist. Die nächsten Tage relaxen wir am Pool oder am kleinen Sandstrand 500 Meter weiter, erkunden die Gegend zu Fuß und machen gegen Abend kleinere Touren mit dem Moped an der Küste entlang weiter nach Westen oder ins bergige Hinterland.

Lustig ist die Begegnung mit einem österreichischen Pärchen, das von der „Faro Bike Week“ schwärmt, wo sogar Joe Cocker gespielt hat. Das Mädel tut uns echt leid – ihr Platz auf der einsitzigen Harley ist ein zusammengefaltetes Badetuch auf dem hinteren Schutzblech. Damit von Österreich bis nach Portugal? Unsere entsetzten Blicke sprechen wohl Bände, denn die beiden versichern sofort, das sei sehr gut machbar.

Immer noch zweifelnd fahren wir zum Cabo de São Vicente, dem südwestlichen Punkt des europäischen Festlandes. Auf der kleinen Landzunge steht einer der lichtstärksten Leuchttürme Europas, seine Signale reichen bis zu 95 Kilometer weit. Um die hohen Klippen tost der Atlantik, viel rauer und wilder als das Mittelmeer weiter östlich, und der heftige Wind bläst uns die Österreicher schnell aus dem Kopf. Eine tolle Kulisse, die aber pünktlich zum Sonnenuntergang zum Treffpunkt wahrer Menschenmassen wird. Wir suchen das Weite, als der dritte Reisebus in Sicht kommt.

Richtung Norden – zum Glück nicht immer geradeaus

Nach vier Tagen Erholung pur verlassen wir die Algarve Richtung Norden, teilweise durch die Berge, später über die Küstenstraße. Zwischen Sines und Lissabon ist die Küste ein einziger langer Sandstrand, die Landschaft sieht aus wie die Lüneburger Heide mit Störchen und allem drum und dran, bis die ersten Reisfelder bei Ralf Erinnerungen an Asien wachrufen. Echt faszinierend, wie abwechslungsreich dieses Land ist.

Lissabon wollen wir uns für ein verlängertes Wochenende mit dem Flieger aufheben, daher umfahren wir die Stadt großzügig in nordöstlicher Richtung. Durch das Reserva Natural de Eustuário do Tejo folgen wir dem gleichnamigen Fluss bis nach Santarém, wo die Landkarte langsam wieder interessanter wird. Der Parque Natural das Serras de Aire e Candeeiros (warum haben diese Nationalparks bloß immer so lange Namen?) wartet mit kleinen kurvigen Straßen auf, die Temperaturen sind mit ca. 30 Grad recht erträglich, also geben wir uns dem Spaß hin.

Heute steht auch wieder ein bisschen Kultur auf dem Programm, diesmal eher kirchlich geprägt. Unser erster Stopp ist das Kloster de Santa Maria da Vitória in Batalha, eines der bedeutenden gotischen Bauwerke Europas. Die gigantische Anlage beherrscht den kleinen Ort, allein die Klosterkirche ist 32m hoch, 80m lang und 22m breit. Aufgrund der über 200-jährigen Bauzeit finden sich nicht nur Elemente aus Gotik und Renaissance, sondern auch aus der Manuelik, einer rein portugiesischen Stilrichtung aus dem 16. Jahrhundert. Wir laufen einmal herum und schauen uns die Kirche von innen an, schenken uns aber die anderthalbstündige Führung, denn wir sind echt erschlagen von diesem Riesenkomplex.

Außerdem liegt unsere nächste Station gerade mal 20 Kilometer entfernt: der Wallfahrtsort Fátima, jedes Jahr im Mai Ziel Tausender Pilger aus der ganzen Welt. Jetzt im August ist es etwas ruhiger, aber nicht minder beeindruckend. Unter den heutigen Besuchern sind nur wenige Pilger, trotzdem herrscht eine familiäre Atmosphäre, der befürchtete „Heiligenfigürchen-Kommerz“ bleibt aus. Wir lassen alles auf uns wirken und zünden eine Kerze an. Wieder draußen bei den Mopeds, stellen wir überrascht fest, dass mehr als eine Stunde vergangen ist.

Der Weg nach Tomar gibt uns schon mal einen Vorgeschmack auf die nächsten Tage: Eine Kurve an der anderen, das alles auf wenig befahrenen Straßen mit griffigem Belag. Etwas aus dem Konzept bringt mich das „Krrrrrk“ in der einen oder anderen Kurve, vor allem weil beim abendlichen Check Fussrasten und Ständer so aussehen wie immer. Ein genauerer Blick bringt’s ans Licht: Die Aluboxen setzen auf. Aber mit den abgefahrenen Ecken kann ich leben, wenn ich dafür solche Strecken haben darf…

Den Sternen ganz nah in der Serra da Estrela

Der siebte Mopedhimmel erwartet uns am nächsten Tag: Wir verlieren uns in den kleinen Straßen der Serra da Estrela und wissen teilweise nicht mal mehr, wo wir sind. Zwischendurch Schotter, der uns diesmal trotz vollem Gepäck gar nix ausmacht, einmal springen wir zur Abkühlung nackt in einen See, dann wieder zurück auf die Straße und fahren, einfach fahren. Wohin? Woher? Egal! Völlig erledigt, aber mit dem breitesten Grinsen seit den Pyrenäen erreichen wir das Bergdorf Gois und beschließen spontan, hier zu übernachten. Unser eigentliches Tagesziel Covilhã liegt eh in weiter Ferne.

Die einzige geöffnete Pension entpuppt sich als eine Art „Jugendherberge für Familien“, nimmt uns aber trotzdem auf. In der kleinen Gaststätte am Dorfplatz ist die einzige Sprache portugiesisch, was damit endet, dass Gäste und Wirt sich gleichermaßen um unser Wohlergehen kümmern. Bei angeregtem Palaver mit Händen und Füßen genießen wir drei Gänge tolles Essen und reichlich schweren portugiesischen Rotwein. Erst als wir dem Wirt glaubhaft versichern, dass nichts mehr reinpasst, ist er zufrieden. Kosten der ganzen Aktion: schlappe 30 Euro.

In der Nacht lassen wir die klare Bergluft durch die weit geöffneten Fenster ins Zimmer. Ausgeschlafen stürzen wir uns nach einem guten Frühstück wieder ins Kurvenkarussell der Serra da Estrela, versuchen aber diesmal, die grobe Richtung Norden beizubehalten. Das „Sternengebirge“ macht seinem Namen alle Ehre, wir müssen zwischendurch öfter mal Pause machen, sonst sähen wir wirklich Sternchen vor lauter rechts-links „krrrrrk“-rechts-links. Wir treffen sogar zwei Mopedfahrer, ansonsten haben wir die Gegend ganz für uns allein.

Highlight ist der höchste Berg des portugiesischen Festlands. Mit seinen 1991 Metern Höhe entlockt der „Torre“ versierten Alpenfahrern sicherlich nur ein müdes Lächeln, aber die Gegend ist irre: total kahl, überall riesengroße Felsblöcke, wie von Riesenhand verstreut. Und dann diese Straßen, von denen sich mancher Alpenpass ’ne Scheibe abschneiden könnte. Nur geil! Aber irgendwann wird es dunkel und wir brauchen ein Quartier – im Skiort Manteigas am Fuße des Torre kein Problem. Ja, ihr habt richtig gelesen, im Winter ist hier tatsächlich Skibetrieb.

Portwein und Weltstadtflair

Einen halben Tag und unzählige Kurven später verlassen wir die Serra da Estrela im Norden. Die Landschaft wird wieder lieblicher und grüner, aber auch im Flachland begleitet uns die kurvige Straßenführung. So stürzen wir uns ganz entspannt in den Großstadtdschungel: Unser letzter Stopp heißt Porto.

Die zweitgrößte Stadt Portugals ist eine weltoffene und lebendige Handelsstadt, die dem Touristen einiges bietet. Allen voran natürlich die vielen Portweinkellereien, die in der Schwesterstadt Villa Nova de Gaia auf der anderen Seite des Flusses Douro liegen. Die imposanteste der vielen Brücken ist die Ponte de Dom Luís, denn die stählerne Konstruktion hat gleich zwei Etagen. Zehn Meter über dem Douro fahren Autos, in fast 70 Metern Höhe Züge. Fußgänger dürfen beide Wege benutzen, was wir auch tun, nicht zuletzt wegen der spektakulären Fotoperspektiven auf die Stadt. Die 1886 eingeweihte Doppelbrücke erinnert nicht von ungefähr an den Eiffelturm, Architekt war auch hier besagter Gustave Eiffel.

Wir gönnen uns einen ganzen Tag in dieser faszinierenden Stadt. Am heutigen Sonntag haben zwar die Läden geschlossen, aber es macht trotzdem Spaß, durch die Straßen zu flanieren. Zum Abschluss besichtigen wir die Portweinkellerei Calém. Das sehr kompetente Mädel macht zum ersten Mal eine deutsche Führung, ist recht aufgeregt und dankt uns unser Verständnis hinterher mit einer kompletten Probe von sechs verschiedenen Portweinen statt der üblichen zwei. Wir finden den Portwein mit jedem Glas besser und kaufen auch tüchtig ein, als Mitbringsel, für Zuhause… Erst auf dem Weg ins Hotel denken wir an so praktische Fragen wie den sicheren Transport nach Hause. Aber alle sieben Flaschen finden einen Platz im Gepäck, auch wenn das Rangieren der beladenen Mopeds immer schwerer wird, je länger wir unterwegs sind.

Am nächsten Vormittag streichen wir kurzerhand den 250 Kilometer langen Umweg bis Bragança im Nordosten, obwohl die Straße auf der Karte sehr verführerisch aussieht. Stattdessen lenken wir unsere „Packesel“ direkt nach Norden, denn auch in Spanien locken tolle Straßen – außerdem haben wir dann schon ein Ziel für unsere nächste Portugalreise, denn die kommt bestimmt.

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