Rübezahls Heimat – Riesengebirge 2012

erschienen im Motorradfahrer, Heft 3 / 2015

Dunkel ist es hier, fast schon unheimlich… Die Bäume wirken erschreckend lebendig und mehr als einmal kommt es mir so vor, als ob weiter vorne ein Schatten durch den Nebel huscht. Höre ich da wirklich ein hämisches Lachen oder doch nur das Knacken der Zweige? In dieser unwirklichen, beinahe mystischen Umgebung bringt uns jeder gefahrene Meter näher ans Reich der Sagen und Legenden. Lange kann es jetzt nicht mehr dauern, bis Rübezahl persönlich hinter dem nächsten Baum hervorspringt, um störende Motorradfahrer – also uns – vom rechten Weg abzubringen.

Mit angehaltenem Atem fahren wir weiter, aber ein paar Minuten später ist der Spuk schon vorbei. Wir haben das Waldstück hinter uns gelassen und sind wieder in der Wirklichkeit angekommen. Als wäre nichts gewesen, rollen die BMWs bei strahlendem Sonnenschein durch eine Bilderbuchlandschaft, wie sie idyllischer kaum sein könnte. Von Nebel keine Spur mehr, dafür sattgrüne Wiesen mit riesigen Heuballen, gesäumt von knorrigen Bäumen. Vogelgezwitscher, in der Ferne einzeln stehende Bauernhöfe und über allem schieben sich die kahlen, rundlichen, für diese Gegend typischen Hügel ins Blickfeld.

Wir atmen erleichtert auf und müssen dann doch lachen. Ganz klar ‘ne Überdosis Rübezahl! Kein Wunder, begleitet uns doch der launische Berggeist seit ein paar Tagen auf Schritt und Tritt – als Held unzähliger Geschichten, Holzfigur jeder Art und Größe und Namensgeber für alles, was sich nicht wehrt. Selbst das WLAN-Passwort im Hotel lautet Krakonoš, so heißt die Sagengestalt auf Tschechisch. Weil Rübezahl der Legende nach in der gesamten Region sein Unwesen treibt, hat er natürlich auch einen polnischen Namen, nämlich Liczyrzepa.

Willkommen im Riesengebirge

Trotz seines Größe verheißenden Namens gehört das Riesengebirge zu den kleineren Bergregionen in Europa. Dafür geht es auf den knapp 650 Quadratkilometern Fläche hoch hinaus. Mit 1602 Metern Höhe sorgt die Schneekoppe sogar für einen sagenhaften zweiten Platz im mitteleuropäischen Höhenranking, nur die Alpen sind höher. Wer hätte das gedacht?

Wir haben drei Tage Zeit, um die Gegend zu erkunden, und nehmen bei strahlendblauem Himmel die ersten Kurven unter die Räder. Von Spindlermühle aus folgen wir in sanften Bögen dem Lauf eines kristallklaren Bächleins namens Elbe. Kein Zufall, sondern die gleiche Elbe, die wir als breiten, eher trägen Fluss kennen. Sie entspringt ganz in der Nähe aus vielen, noch kleineren Gebirgsbächen und sprudelt hier munter ins Tal. Wer mag, wandert die 12 Kilometer ab Spindlermühle zu dem gemauerten Wasserloch, das auf 1386 Metern Höhe als Symbol für die Elbquelle errichtet wurde.

Uns steht der Sinn eher nach zweirädriger Fortbewegung – nicht mal das hübsch herausgeputzte Städtchen Vrchlabí verlockt zu einem Stopp. Wir biegen schon vorher links ab Richtung Cerny Dul, dann geht’s ein Stück durch das Tal von Upa und Mala Upa. Kurven gibt es mehr als genug, denn im Riesengebirge bestimmen die Flüsse den Straßenverlauf. Gefällt uns. Sogar sehr. Über den 1046 m hohen Grenzbaudenpass verlassen wir Tschechien und rollen hinunter in den schlesischen Teil des Erzgebirges. Komischerweise wirkt es hier irgendwie heller, die Wälder sind lange nicht so dicht und ursprünglich wie in Böhmen. Ist Rübezahl am Ende doch Tscheche?

In der früheren Bergarbeitersiedlung Kowary fällt es schwer, an böse Geister zu denken. Viel zu friedlich, fast schon verschlafen, liegt der kleine Ort in der Mittagssonne. Rund zehn Kilometer weiter bricht dann ohne Vorwarnung das Kontrastprogramm über uns herein: Western City, Sommerrodelbahn, Alpin Coaster, dazu an jeder Ecke Andenkenläden, Kitsch und Kommerz. In Karpacz steppt echt der Bär. Mit der Stabkirche Wang steht hier außerdem das bekannteste Baudenkmal im schlesischen Riesengebirge – der einzige Grund, warum wir nicht sofort das Weite suchen.

Die wunderschöne, ganz aus Holz erbaute Kirche wurde 1841 in Norwegen abgerissen und hier wieder aufgebaut. Nach der ausgiebigen Besichtigung haben wir wirklich genug vom Rummel und schlagen uns auf kleinsten Sträßchen in die Wälder. Mittlerweile ist es schon später Nachmittag und der kürzeste Weg zurück nach Spindlermühle wäre der Spindlerpass, der aber nirgendwo ausgeschildert ist. Selbst Karte und Navi sind ratlos. Einige Waldarbeiter zeigen uns schließlich den richtigen Weg.

Das schmale Sträßchen führt schnurgerade den steilen Berg hinauf und hat riesige Löcher, scharfe Kanten und teilweise halbmeterhohe Versprünge. Fast Offroad für Fortgeschrittene. Erst weiter oben erinnert der Weg wieder an eine Teerstraße. Und ganz oben ist er uns plötzlich völlig egal, denn wir blicken bei strahlendem Sonnenschein weit nach Polen hinein. Wow, was für eine Aussicht! Irgendwann fällt Ralfs Blick auf ein dickes, fettes Verbotsschild – der polnische Teil des Spindlerpasses ist für Fahrzeuge gesperrt, wir waren also quasi illegal unterwegs. Ganz legal sind die paar Kurven runter nach Spindlermühle. Ungehindert passieren wir die Mautstation, denn Maut bezahlt nur, wer nach oben will, und wir kommen ja von dort.

Zwischen Upa und Schneekoppe

Der nächste Morgen begrüßt uns wieder mit blauem Himmel und Sonnenschein. Also lenken wir die Mopeds Richtung Osten. Unser Ziel für heute ist die Schneekoppe. Umso größer unsere Enttäuschung, als wir in Pec pod Snezkou ankommen: Dichte Wolken verdecken die Spitze der Schneekoppe, die einzigen Wolken am sonst blauen Himmel. Die Fahrt mit dem Sessellift auf den Gipfel verliert schlagartig ihren Reiz. Deutlich attraktiver, vor allem für Ralf, ist eine Tafel mit der Aufschrift „Tagesessen: Schweinsbraten mit Knödeln“. Also erstmal Mittagessen.

Zweiter und letzter Punkt auf unserem Plan für heute ist Mala Upa – gar kein richtiger Ort, sondern ein loser Verbund einzelner Häuser und Häusergruppen, die über einen Hang verteilt sind. Mittendrin und gar nicht so einfach zu finden ist das unscheinbare Kirchlein St. Peter und Paul, das höchstgelegene tschechische Gotteshaus. Wir cruisen über kleine Sträßchen und an sonnigen Wiesen vorbei in einem weiten Bogen wieder gen Westen. Diesmal stoppen wir sogar in Vrchlabi.

Von Bikern und Glasbläsern

Kleine Sträßchen und sonnige Wiesen gibt es auch im westlichen Riesengebirge, ebenso wie die eingangs erwähnten dunklen Wälder. Wenn Rübezahl wirklich im Riesengebirge lebt, dann sicherlich hier. Wir erkunden den ganzen Vormittag die Gegend zwischen Spindlermühle und Harrachov, bevor wir über den super ausgebauten Neuweltpass wieder nach Polen fahren.

Szklarska Poręba ist neben Karpacz der zweite bedeutende Ort im schlesischen Riesengebirge, aber zum Glück etwas ruhiger. Von der einstmals florierenden Glasindustrie ist nicht mehr viel übrig. Ein Besuch der Josephinenhütte lohnt sich trotzdem, obwohl die Glasbläser fast ausschließlich zur Show für die Besucher arbeiten.

Der Nachmittag vergeht schneller als wir wollen, denn entlang der Sosnowka-Talsperre und den kleineren Seen kann man wunderbar „Motorradbummeln“. Der Wasserfall Mumlavské Vodopády bei Harrachov muss auch noch sein, dann sind wir wieder auf der Hauptstraße.

Kurze Zeit später werfen wir ein letztes Mal den Anker. „Motörest Na Mejtĕ“ steht an einem Haus, davor einige Motorräder. Ein Bikertreff! Unseres Wissens nach der einzige im Riesengebirge. Davis und seine Freundin bieten alles, was Biker brauchen, sogar einige günstige Zimmer. Wir freuen uns, ein paar einheimische Motorradfahrer zu treffen, und stellen wieder mal fest, dass Benzingespräche überall auf der Welt gleich sind. Ein schöner Abend und würdiger Abschluss unseres Besuchs in Rübezahls Heimat.

Wenn Du jetzt Lust bekommen hast, den Artikel im Original zu lesen, geht’s hier zum PDF: Riesengebirge im Motorradfahrer 3/2015.

Die Touren aller drei Tage als gezippte GPX-Datei zum Download findest du hier: birgit-ralf-riesengebirge.zip

Allgemeine Infos zum Riesengebirge

Der größere Teil des Riesengebirges liegt in Polen, der Rest in Tschechien. Touristisch ist das gesamte Gebiet sehr gut erschlossen. Wer Action sucht, ist im polnischen Riesengebirge besser aufgehoben, dort wird auch für Kinder einiges geboten. Der touristischste Ort im tschechischen Teil ist Spindlermühle. Die Menschen sind uns überall freundlich und hilfsbereit begegnet.

Motorradfahren

Das Riesengebirge ist vor allem als Wander- und Skiparadies bekannt, aber Motorradfahrer kommen ebenso auf ihre Kosten wie in deutschen Mittelgebirgen. Kurven gibt es mehr als genug, alpine Verhältnisse sollte man allerdings nicht erwarten. Freude kleiner Sträßchen und schöner Landschaft werden das Riesengebirge ebenso mögen wie die Fans von Geschichten, Mythen und Legenden.

Tipps in der Umgebung oder für die An- oder Abreise

Wer mehr Zeit hat, macht noch einen Abstecher ins benachbarte Isergebirge. Ein Kuriosum, das wir auf der An- oder Abreise anfahren würden, ist die Bikerhöhle des Motoklubs Pekelné Doly (http://www.pekelnedoly.cz – leider nur auf tschechisch) rund 100 km westlich vom Riesengebirge.

Übernachten, Essen, Tanken

Ob Tschechien oder Polen: Übernachten, Tanken und vor allem Essen ist selbst in den Touristenorten für unsere Verhältnisse immer noch sehr günstig. Man zahlt mit Zloty (Polen) oder Kronen (Tschechien). Am besten beide Währungen mitnehmen. Die jeweils andere Währung wird fast überall akzeptiert, der Euro teilweise noch lieber. Sowohl im tschechischen als auch im polnischen Riesengebirge gibt es Unterkünfte in jeder Preisklasse. Typisch sind die sogenannten „Bauden“, ehemalige Schutzhütten, die vom einfachen Jugendhaus bis zum 4-Sterne-Hotel Komfort für jeden Geschmack bieten.

Karten/Literatur

Es gibt kaum Reiseführer, die das Riesengebirge in seiner Gesamtheit abbilden. Wir hatten den von Frank Schüttig aus dem Trescher-Verlag dabei. Neueste Auflage: August 2014, ISBN 978-3897942790, Euro 12,95. Für unsere Ansprüche völlig ausreichend. Auch Kartenmaterial macht meist an den Ländergrenzen halt. Wanderführer haben wir viele gefunden, eine gute Motorradkarte nicht. Wir haben uns mit einem tschechischen Autoatlas im Maßstab 1:700000 beholfen und unsere Touren abends mit Navi und Google Maps vorbereitet.