Sizilien Teil 2: Alte Griechen, kleine Straßen und ganz viel Landschaft

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Seit zwei Wochen sind wir jetzt wieder daheim im deutschen November. Allerhöchste Zeit, ein Stück sizilianisches Urlaubsfeeling zurückzuholen. Wir verlassen also Palermo, reisen in der Zeit zurück zu den alten Griechen und begegnen dabei einem reisenden Franzosen, einer Schar hungriger Mosquitos und einem ehrlichen Tankwart.  Aber lest selbst.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Die Mopeds scharren schon mit den Hufen, als wir sie nach dem Frühstück aus ihrem Hinterhof holen. Beladen ist schnell, noch eben tanken und kurz vor Mittag lassen wir Palermo endgültig hinter uns. Kaum sind wir auf die gut ausgebaute SS 121 Richtung Süden abgebogen, weicht der chaotische Großstadtverkehr einer ruhigeren Gangart. Unter normalen Umständen hätten wir diese Straße in die Kategorie „groß und langweilig“ eingestuft, aber im Moment sind wir echt froh, unsere Augen nicht jederzeit überall haben zu müssen. Wir atmen auf und genießen das unspektakuläre Dahingleiten.

Die Landschaft setzt ebenfalls einen deutlichen Kontrapunkt zur Reizüberflutung der letzten Tage. Hier ist es braun, einfach nur braun. Genauer gesagt, hellbraun mit gelben Sprenkeln, denn Kilometer um Kilometer fahren wir durch sanfte Hügel mit riesigen, jetzt im Oktober natürlich abgeernteten Getreidefeldern rechts und links – im Reiseführer lesen wir später, dass dort größtenteils Hartweizen wächst. Um Ortschaften macht die Straße einen weiten Bogen. Manchmal sehen wir etwas entfernt ein paar Häuser, aber die Felder bestimmen für die nächste Stunde unser Bild. Das ändert sich auch nicht, als wir auf die SS 189 abbiegen, obwohl die Straße mit Lercara Friddi sogar ein kleines Städtchen streift. Danach wieder Weizenfelder, soweit das Auge reicht. Die sind auch heute noch in der Hand weniger Großgrundbesitzer, weiß der Reiseführer.

Weizenfelder, soweit das Auge schauen kann

Weizenfelder, soweit das Auge schauen kann

 

Aber so langsam steht uns der Sinn wieder nach etwas mehr Abwechslung. Bei nächster Gelegenheit biegen wir auf ein kleineres Sträßchen ab.  Die Straßenführung wird kurviger und ab jetzt ist wieder aufpassen angesagt. Mit ihren Schlaglöchern und tiefen Rissen, garniert mit Erde, Steinen und Müll aller Art sorgt die Straße an sich schon für Spannung. Dazu ab und an ein LKW oder Traktor und ganz selten auch mal ein paar Autos, in Kurven meistens auf unserer Spur. Auch die Landschaft wird abwechslungsreicher, die riesigen Felder machen nach und nach kleineren Äckern Platz. Es gibt immer noch viel Getreide, aber auch Olivenhaine, Zitrusplantagen und Schafwiesen, mittendrin die kleinen Bauernhöfe, die alles bewirtschaften. Dazu strahlend blauer Himmel und fast 30 Grad. Wir genießen den erdigen Duft und erfreuen uns des schönen Tages.

Gegen Nachmittag taucht in der Ferne die riesige Brücke von Agrigento auf, über die wir die Stadt südlich umfahren. Schade, dass wir nicht anhalten können, denn von hier oben haben wir einen Superblick auf unser heutiges Ziel, das Valle Dei Templi. Agrigento liegt auf einem Berg, eine nette Kurvenstrecke führt wieder auf Meeresniveau. Als wir um eine Kurve biegen, wird uns klar, dass das mit dem Tal der Tempel durchaus wörtlich gemeint ist. Vor unseren Augen taucht nämlich plötzlich ein riesiger griechischer Tempel auf – bildfüllend. Wir halten kurz an und entdecken noch weitere Tempel in Laufweite. Wow! Aber erstmal ist Zelt aufbauen angesagt – und zwar auf dem gleichnamigen Campingplatz, der um diese Jahreszeit fast menschenleer ist.

Haus steht, Garage überflüssig, Terrasse bewohnt - auf dem Campingplatz Valle Dei Templi

Haus steht, Garage überflüssig, Terrasse bewohnt – auf dem Campingplatz Valle Dei Templi

 

Mit dem Motorrad erkunden wir danach unsere Umgebung – wir sind gar nicht weit weg vom Meer, klasse. Deswegen bleiben Abends die Mopeds stehen und wir laufen zu Fuß die drei Kilometer zum Hafen runter, wo es einige Restaurants gibt, die alle nahezu die gleiche Speisekarte haben. Wir suchen uns eins aus und genießen Pizza, Pasta und ein Fläschchen leckeren Nero d’Avola. Glücklich und zufrieden kriechen wir viel später in die Schlafsäcke. Es ist immer noch über 20 Grad warm.

Irgendwann nachts steht die Luft im verschlossenen Zelt, also öffne ich beide Eingänge vom Vorzelt. Immer noch warm, aber jetzt weht ein frisches Lüftchen rein. Die Kehrseite der Medaille: Durch die Aktion kommen Stechviecher ins Zelt, die mich sehen,  „Futter“ denken und gleich mit dem Abendessen anfangen. Um Ralf nicht zu wecken, lasse ich die Biester fressen  und schlafe irgendwann auch wieder ein.

Freitag, 17. Oktober 2014

Meine Bilanz der Nacht: Rund 60 Stiche am ganzen Körper, die Mosquitos müssen echt ausgehungert gewesen sein. Aber kein Wunder, wir sind ja auch die einzigen, die hier zelten.  Die zwei Wohnmobile von gestern sind schon wieder weg, dafür steht da jetzt ein Renault Kangoo, mit Mopedbildern und Reisedaten beschriftet. Das interessiert uns natürlich. Jef ist Franzose und reist schon seit April durch Europa. Den ersten Teil mit dem Motorrad, bis er in Polen einen Unfall hatte. Das Motorrad ist Schrott, aber ihn hält nichts daheim, deswegen nimmt er den zweiten Teil seiner Europatour mit Kangoo und Fahrrad in Angriff. Ende November will er wieder daheim sein. Seine Website (französisch/englisch) ist www.allersretours.com, was soviel heißt wie „losfahren und ankommen“ – so seine Übersetzung. Erst, wer losgefahren ist, kann bei sich ankommen. Gefällt mir sehr!

Es ist schon Mittag, als auch wir wieder losfahren,  in die Berge und ausnahmslos auf kleinen Sträßchen, die in der Karte weiß sind und maximal eine SP-Bezeichnung haben, wenn überhaupt. In Cattolica Eraclea lockt die einzige offene Bar mit Snacks, Eis und Kuchen. Ansonsten hat alles geschlossen, obwohl es schon Nachmittag ist. Die sizilianische Siesta dauert viel länger, als wir es aus Norditalien gewöhnt sind. Erst nach 18.00 Uhr haben wirklich alle Geschäfte wieder offen.

Zurück in Agrigento wird es Zeit, die alten Griechen zu besuchen. Der Concordia-Tempel ist der für mich imposanteste. Er erinnert an die Akropolis in Athen, ist nur viel besser erhalten. Von Hera- und Heraklestempel stehen nur noch ein paar Säulen, zwischendrin „Steinfelder“ und viele Informationen. Schließlich ist das Valle Dei Templi eine der bedeutendsten Stätten der griechischen Antike, UNESCO-Weltkulturerbe und bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts Touristenmagnet. Der bekannteste deutsche Besucher dürfte Johann Wolfgang von Goethe gewesen sein, der das Tal der Tempel in seiner „italienischen Reise“ verewigt hat.

Der Concordiatempel im Abendlicht - schön...

Der Concordiatempel im Abendlicht – schön…

 

Im Abendlicht haben die Tempel eine ganz eigene Stimmung, aber leider – oder eher verständlicherweise – dürfen wir mit den Mopeds nicht aufs Gelände. Also suchen wir uns einen netten Pausenplatz für Fotos mit Mopeds und Concordia-Tempel, bevor erstere wieder auf dem Campingplatz parken und wir erneut Richtung Hafen wandern. Heute lassen wir das Vorzelt komplett offen, damit die Schlafkabine später kühler ist. Wegen der Mücken haben wir entschieden, wieder essen zu gehen statt den Abend auf dem Platz zu verbringen – zumal unser einziger Mitcamper Jef ebenfalls unterwegs ist.

Samstag, 18. Oktober 2014

Die Rechnung geht auf: Die Nacht war sehr viel angenehmer als die gestrige, aber irgendwie haben es wohl doch wieder ein paar Stechviecher ins Innenzelt geschafft. Mittlerweile juckt es mich am ganzen Körper, Ralf zählt knapp über 100 Stiche. Er selbst hat nur ein paar wenige, nicht der Rede wert. Beim Frühstück überlegen wir, in welche Richtung wir weiterfahren wollen und entscheiden uns für den Westen Siziliens, genauer gesagt, für Marsala, die Heimatstadt des gleichnamigen Süßweins. Weil meine Lust aufs Campen mittlerweile gegen Null geht, buche ich kurzentschlossen ein Appartement. Stadtnah, relativ günstig, mit Garage und – für mich das wichtigste Ausstattungsmerkmal – Mückengittern vor den Fenstern. Jef rüstet sich ebenfalls zum Aufbruch, für ihn geht es weiter Richtung Sardinien.

In der Nähe der Tempel ist die mit 1,63 Euro pro Liter Super bisher günstigste sizilianische Tankstelle, also einmal volltanken, bevor wir uns gen Westen wenden. Über andere kleine Straßen als gestern, aber lustigerweise landen wir wieder in Cattolica Eraclea, just als uns der Magen knurrt. Wieder hat nur die eine Bar offen, aber die Panini und Canolli waren gestern so lecker, dass wir da gar nicht böse drum sind. Dafür bekomme ich einen gewaltigen Schrecken der anderen Art. Mein Portemonnaie ist nämlich weg. Habe ich wohl an der Tankstelle liegen lassen, da habe ich es zuletzt gehabt. Also nach dem Essen wieder zurück. Ralf glaubt nicht, dass ich das gute Stück jemals wiedersehen werde, täuscht sich aber gewaltig: Als ich dem Tankwart beschreibe, was ich suche, zieht er freudestrahlend mein Portemonnaie aus der Tasche. Sogar das Geld ist noch drin und Finderlohn will er auch keinen.

Glücklich starten wir ein zweites Mal Richtung Westen. Diesmal auf dem direkten Weg über die Küstenstraße, weil die Aktion uns doch ziemlich viel Zeit gekostet hat. Jetzt im Oktober sind die Tage sowieso schon recht kurz, um halb sieben ist es hier Nacht. Wider Erwarten sind die 140 km bis Marsala trotz viel befahrener Hauptstraße recht kurzweilig.

Das moderne Appartementhaus liegt in einer winzigen Straße in einem Wohngebiet – hätten wir ohne Navi nie gefunden. Gloria, die sehr junge und ebenso nette Managerin, führt uns in unser Zuhause für die nächsten zwei Nächte: eine riesige 115 qm Wohnung mit zwei Bädern, drei Balkonen und sogar etwas Meerblick. Sie gibt uns noch ihre Handynummer – wenn wir was brauchen, sollen wir sie per WhatsApp kontakten –  und einige Tipps, bevor wir zu Fuß in die Altstadt aufbrechen.

In den Gassen herrscht reges Leben, halb Marsala ist auf den Beinen. Wir lassen uns von der Atmosphäre einfangen, tauchen ein ins bunte Treiben – und staunen über die Ladenöffnungszeiten. Den Vogel schießt ein Buchladen ab, der erst um 22.00 Uhr wieder öffnet. Einige Weinstuben laden zur Verkostung ein, überall gibt’s Livemusik. Das fühlt sich absolut nach Sommer an – einfach toll. Wir erfreuen uns minütlich an unserer eher zufälligen Entscheidung, den Samstag Abend in einer so lebendigen Stadt zu verbringen. Obwohl wir morgen sowieso eine Marsala-Kellerei besichtigen wollen, testet Ralf schon mal vor, ich bleibe beim Nero d’Avola, kleine leckere Häppchen gibt’s für uns beide. Zum Abschluss noch ein Eis auf die Hand, dann schlendern wir wieder Richtung Wohnung. Ein rundum gelungener Abend.

Ganz viel Landschaft und Marsala bei Nacht

Zum Abschluss noch einige Fotos von der Landschaft rund um Agrigento – und unserem bevorzugten Abendprogramm 😉

 

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